Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

Hoffnung in unsicheren Zeiten

AGEH-Fachkräfte in Mexiko

30. April 2015

Mexiko leidet stark unter der organisierten Kriminalität: Tödliche Schlachten um Kokain, Marihuana und Amphetamine, um Waffen, Menschen und Geld machen immer wieder Schlagzeilen. Aber neben den tagtäglichen Ermordungen und Entführungen gibt es auch Geschichten, die Hoffnung schenken. Sie erzählen von Solidarität und von Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Ärmsten im Land ein sicheres Dach über dem Kopf haben. Zwei Architekten, die genau das tun, habe ich für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe interviewt.

2012 wurde Javier Rodriguez am Flughafen in Honduras festgenommen. Der Architekt kam gerade aus Ecuador von einem AGEH-Seminar zum Thema Sicherheit. Das Wissen darüber, wie man sich in einer solchen Situation am besten verhält, war also noch ganz frisch. „Der Strafvorwurf war natürlich ausgedacht“, so Rodriguez. In korrupten Systemen komme das immer wieder vor, die Polizisten würden sich dadurch einen Vorteil erhoffen. Nach 24 Stunden war der Mexikaner mit französischem Pass wieder auf freiem Fuß. Seine Verhaftung gab jedoch den Ausschlag, innerhalb des Instituts IMDEC, für das Rodriguez in Mexiko arbeitet, eine Sicherheitskommission einzurichten.

Das Instituto Mexicano para el Desarollo Comunitario (IMDEC) setzt sich für ländliche Entwicklung und Menschenrechte ein. Javier Rodriguez und seine französische Frau Sandrine Minier – ebenfalls Architektin – beraten die Gruppen, mit denen das Institut zusammenarbeitet. Ihr Schwerpunkt: das Recht auf Wohnraum. Sie unterstützen Dorfbewohner dabei, Häuser mit lokalen und natürlichen Materialen wie Erde, Lehm, Stein und Bambus zu bauen, und zeigen ihnen, wie sie Regenwasser speichern, Abwasser nutzen und Kompostlatrinen fertigen können.

Kulturelle Identität erhalten

„Unsere Arbeit besteht darin, die kulturelle Identität von Dörfern und Kommunen zu erhalten“, erklärt Sandrine Minier. „In Mexiko wird seit Jahrhunderten die Erdbauweise praktiziert. Wir verteidigen das Wohnrecht der Menschen, indem wir zeigen, dass sich auch diejenigen, die weniger Ressourcen und Geld zur Verfügung haben, ein Haus bauen können – nämlich mit dem, was sie vor Ort zur Hand haben.“

Seit 2002 sind die beiden AGEH-Fachkräfte. Ihre Mitarbeit wird vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor finanziert. In Honduras unterstützten sie zunächst Kommunen und Familien, die ihre Wohnungen nach dem Hurrikan Mitch verloren hatten. „Die eingestürzten Häuser waren mit Industrie-Materialien wie Zement errichtet worden – ein Baustoff, der nicht nur teuer, sondern auch schwer in entlegene Gebiete zu transportieren ist“, sagt Javier Rodriguez. Die beiden Architekten kannten sich mit alternativen Bauweisen aus und arbeiteten vor Ort mit einer lokalen Organisation zusammen. „Wir blieben vier Jahre dort. Danach waren wir auch in anderen zentralamerikanischen Ländern im Einsatz.“ In einigen Regionen wie El Salvador kam ein zusätzlicher Aspekt ihrer Arbeit hinzu: Die Häuser müssen hier auch erdbebensicher konstruiert werden.

„Wir stellten fest, dass viele Menschen kein Vertrauen mehr in die Erdbauweise haben“, sagt Sandrine Minier. Das sei die Konsequenz der Industrie-Propaganda, die den Zement bewirbt. „Eine eiskalte Strategie, denn zu Beginn haben sie Zement nicht zum regulären Preis, sondern günstiger verkauft“, meint Minier. „So wollten immer mehr Menschen mit dem modernen industriellen Stoff bauen, und sie vergaßen das alte Wissen um traditionelle Bauweisen. Irgendwann kam der Moment, in dem die Bevölkerung abhängig von den neuen Materialien war.“

Häuser eigenständig errichten

An Orten mit großer Erdbebengefahr hört das Paar oft, dass die Konstruktion mit Erde oder Lehm nicht sicher sei. „Und wir antworten: Doch, das ist sie. Man muss Lehmhäuser nur richtig stabilisieren, genau wie man es mit einem Haus aus Zement machen muss“, sagt Javier Rodriguez. Der Vorteil bei der Verwendung von natürlichen Materialen sei, dass sie auch in armen Kommunen vorkämen und wiederverwertbar seien, sollten die Häuser einstürzen. „In Haiti haben wir 2010 gesehen, was mit Port-au-Prince passiert ist. Die Betonhäuser waren nicht erdbebensicher gebaut worden und als sie einstürzten, lagen die Zementbrocken auf dem Boden, ohne dass die Bevölkerung das Material aufsammeln und erneut benutzen konnte.“ Lehm brauche dagegen nur Wasser, um sich erneut formen zu lassen. So könnten die Menschen ihre Häuser eigenständig wiedererrichten.

Rodriguez und Minier sehen es als ihre Aufgabe an, das Wissen um traditionelle Bauweisen gemeinsam mit den Kommunen zu recherchieren und zu erhalten. „Die Menschen, die diese Kenntnisse noch haben, teilen sie oft nicht, weil sie sie nicht wertschätzen“, stellt Rodriguez fest. „Wir zeigen ihnen, dass das Wissen sehr nützlich für die Gemeinschaft ist.“

Schwieriger wird es, wenn es keine etablierte Kommune gibt. Seit die Architekten in Mexiko leben und beim IMDEC angestellt sind, arbeiten sie unter anderem mit einer Gruppe am Stadtrand von Guadalajara. „Die Menschen kommen aus vielen verschiedenen Orten und fühlen sich nicht als Teil einer Gemeinschaft. Sie tauschen sich nicht aus oder helfen einander“, bedauert Sandrine Minier. Die Französin hat die Erdbauweise zum ersten Mal kennengelernt, als sie Austauschstudentin in Mexiko war. Dabei habe es sie überrascht, dass diese Bauart auch ein Teil ihrer französischen Kultur ist.

Die Dinge ein wenig besser machen

Damals in Mexiko hat Sandrine Minier auch ihren heutigen Mann kennengelernt. Gemeinsam absolvierten sie im Anschluss an ihr Architekturstudium ein Masterprogramm in Grenoble, Frankreich. Dabei spezialisierten sie sich auf die Erdbauweise. Inzwischen hat das Paar zwei Kinder: Lili (7) und Cloé (3) kamen in Frankreich zur Welt. „Lili war sieben Monate alt, als wir nach Honduras zogen“, so Minier. „Wir haben großes Glück, dass sich beide Kinder sehr schnell an neue Situationen anpassen. Veränderungen scheinen ihnen nicht viel auszumachen.“ Jetzt sei sie nicht mehr so viel unterwegs wie früher. Ihr Mann dagegen berate weiterhin auch Organisationen in El Salvador, Honduras, Guatemala und Haiti.

„Es macht mir manchmal schon zu schaffen, weg von meinen Töchtern zu sein“, sagt Javier Rodriguez. „Aber ich glaube, sie verstehen ein bisschen, was wir machen. Sie nehmen wahr, dass in Mexiko Gewalt und Unsicherheit herrschen. Sie hören aufmerksam zu und wissen, dass ihre Eltern daran arbeiten, die Dinge ein wenig besser zu machen.“ Es gebe derzeit mehr Angst vor der Polizei als früher, mehr soziale Spannungen und Aggressivität, erklärt Sandrine Minier. Auch in der Region Jalisco, in der sie wohnen, gebe es eine zunehmende Zahl von Entführungen und Ermordungen. „Bisher habe ich mich in Mexiko immer wohl gefühlt, aber seit der vergangenen Monate bin ich nicht mehr so entspannt. Wenn man Kinder hat, ändert das auch noch mal die Perspektive.“

Um die Rechte der mexikanischen Bevölkerung vor allem in Bezug auf das Wohnrecht zu verteidigen, wurde die Internet-Plattform „Mesoameri-Kaab“ ins Leben gerufen. Dort haben sich ähnlich gesinnte Organisationen zusammengeschlossen, um Informationen, Wissen und Strategien auszutauschen. „Den Menschen wird bewusst, dass sie mit ihren Problemen nicht mehr allein dastehen und dass sie sich gegenseitig helfen können“, sagt Javier Rodriguez optimistisch. Die zunehmende Zusammenarbeit und Solidarität gebe den Menschen Hoffnung in einer Zeit, in der die Unsicherheit in Mexiko immer größer wird.

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