Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

Nadelstiche vom Anwalt

Warum ein Bremer Jurist lieber Kunden in seinem Studio tätowiert statt Klienten vor Gericht zu verteidigen

10. September 2012

Harald Fricke sieht man nicht an, was er beruflich macht. Wer ihn mit seinen langen und strähnigen Haaren sieht, würde nicht auf die Idee kommen, dass er Rechtsanwalt ist. Und eigentlich fühlt er sich auch nicht wie ein Anwalt. Sein Herz schlägt für eine Profession, die in seinen Augen ehrlicher ist. Kreativer. Näher am Menschen. So nah, dass sie unter die Haut geht. Harald Frickes Herz schlägt fürs Tätowieren.

Es kommt nicht mehr oft vor, dass Rechtsanwalt Harald Fricke zum Gericht muss. Aber wenn ein Fall es verlangt, tauscht er seinen Strand-Look – Flip-Flops, Ringelshirt und Badeshorts – gegen Hemd und Krawatte ein. Dann sieht man seine Tattoos an den Armen nicht mehr. Den „Tunnel“ lässt er aber – das Piercing, ein geweitetes Loch im Ohrläppchen, ist dann das einzige Zeichen, das etwas über das zweite Leben des Harald Fricke verrät. Denn er ist nicht nur Anwalt. Er ist vor allem Tätowierer.

Vor sieben Jahren beschloss der 46-Jährige, sein eigenes Studio zu eröffnen. Das Haus, in dem er wohnt und in dem er seine zwei Jobs ausübt, hat er gekauft. In seinem Büro liegen verstreut Unterlagen und Rechnungen auf dem Schreibtisch. Ordner stehen in Regalen. Auf einem Brett hinter dem Schreibtisch reihen sich Bücher zum Strafrecht und zur Strafvollstreckung. Auch das Standardwerk „Deutsche Gesetze“ hat hier seinen Platz.

Dort hängt auch ein Poster der Punkrockband „Social Distortion“. Ihr Logo auf dem Poster ist eine Art tanzendes Skelett. Neben der Kanzlei schließt sich direkt der Raum an, in dem Harald Tag für Tag Menschen verschiedene Bilder, Symbole und Schriftzeichen in die Haut sticht – das Tattoostudio. Das Mobiliar darin könnte aus einer unmodernen Arztpraxis stammen: eine grüne Liege, ein verstellbarer roter Liegestuhl, Stühle mit Rollen und kleine Beistelltische aus Metall. In einem Regal an derWand befinden sich Farbtuben und Einmalrasierer. In einem anderen zahlreiche Kästchen mit Piercingschmuck. Außerdem gibt es ein Waschbecken, Desinfektionsseife und ein Bild mit dem Nervensystem des Menschen.

Seitdem er das Studio hat, arbeitet er immer weniger als Anwalt, sagt Fricke. Er habe sich ganz bewusst dagegen entschieden. „Das Tätowieren entspricht mehr meiner Natur. Ich mag den unmittelbaren Bezug zu Arbeit und Arbeitserfolg.“ Auch habe er dabei mehr kreativen Spielraum und sei flexibler bei der Einteilung seiner Zeit. So könne er auch mal tagsüber etwas mit seinen Kindern unternehmen. Fricke war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau hat er drei Töchter, die zehn, 13 und 15 Jahre alt sind.

Die älteste Tochter wohnt bei ihm, über dem Tattoostudio. Sie hat dort eine Etage für sich, denn Fricke lebt im Keller. Sein Zimmer befindet sich ganz unten neben Abstellräumen. Mitten im Chaos ist auch eine Dusche eingebaut. Von den Kellerräumen gelangt man in einen verwilderten Garten. Sitzmöglichkeiten gibt es keine. Fricke setzt sich auf den Boden und blickt in die Mittagssonne. Es ist heiß an diesem Tag.

„Die wussten immer, dass ich Anfänger war.“

Es sei eigentlich Zufall gewesen, dass er außer Anwalt auch Tätowierer wurde, erzählt Fricke. „Meine damalige Frau wollte als Piercerin arbeiten. Wir haben eine erste Ausstattung für 2000 Mark gekauft. Schmuck und Werkzeug und so. Ich wollte sie dabei unterstützen.“ Zu dem Zeitpunkt studierte er noch Jura. Um mehr finanzielle Sicherheit zu haben, ließ er sich in einem Tattoo- und Piercingstudio zum Piercer ausbilden.

Ohne viel zu üben, ist er irgendwann mit seinem Kollegen nach Portugal gereist und hat angefangen, Leute zu tätowieren. „Ich habe aber niemandem etwas vorgemacht. Die wussten immer, dass ich Anfänger war.“ Schließlich machte sich Harald als Tätowierer selbstständig. Ein Angestelltenverhältnis konnte er sich auf Dauer nicht vorstellen. An Hierarchien könne er sich nicht anpassen.

Beim Tätowieren gehe es neben Technik viel ums Zuhören, sagt Fricke. Und um Einfühlungsvermögen, man müsse ein Gespür dafür entwickeln, was der Kunde wirklich wolle. Darin ist er offenbar gut. Denn mittlerweile ist er monatelang im Voraus ausgebucht. Es kommen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zu ihm, sagt er. Sorgen um seine Existenz muss sich Fricke nicht mehr machen. Er hat jeden Tag Termine, bei einem größeren Tattoo dauert eine Sitzung vier Stunden.

Gute Vorstellungskraft und viel Kreativität

Auch heute hat Fricke wieder einen Kunden. Als Edu, ein kräftiger dunkelhaariger Mann, mit seinem Motorrad auftaucht, sitzt Fricke entspannt vor seinem Laden auf einer Holzbank: „Na Edu, was machen wir heute?“ Fricke kombiniert intuitives Arbeiten frei Hand mit konkreten Wünschen und Bildvorlagen seiner Kunden. Sie kommen oftmals zu ihm, weil sie etwas Besonderes wollen, ein Cover beispielsweise, das ein bestehendes Tattoo durch ein anderes verschwinden lässt. Dafür braucht ein Tätowierer eine gute Vorstellungskraft und viel Kreativität. Mode-Tattoos wie ein Steißbein-Tribal und japanische Zeichen, die Symbole für Liebe, Kraft oder Mut sind, mache er seltener. Momentan seien Schriftzüge sehr beliebt. Edu will auch einen Schriftzug – „die Namen meiner Frau und meiner Tochter auf dem Unterarm.“

Fricke bereitet die Sitzung vor: Er stimmt die Schriftart immer wieder mit dem Kunden ab. Edu ist nicht zum ersten Mal da, er weiß, er muss Geduld haben. Schließlich klebt Fricke noch die Klemmlampe und den Rolltisch mit Klarsichtfolie ab. Das sind die Gegenstände, die er beim Tätowieren immer wieder anfassen und verstellen muss. Auf dem Metalltischchen befinden sich kleine Farbbehälter, Vaseline und destilliertes Wasser zum Zwischenreinigen der Nadeln. Edus Unterarm wird rasiert. Fricke sucht die beste Sitzposition und schaltet die Tätowiermaschine an. Es surrt, die Nadel durchsticht die Haut. Im Hintergrund ertönt Xavier Naidoos sanfte Stimme zu einem laut aufgedrehten Bass. Edu ist ganz ruhig, während Fricke die schwarze Tinte unter seine Haut bringt. Wie tief er stechen muss, weiß Fricke aus Erfahrung und Gefühl. „Es gibt keine Formel dafür“, sagt er. Bei dünneren Hautstellen steche er aber vorsichtiger als bei dickeren.

In Zukunft will der Anwalt lernen, ohne Maschine zu tätowieren. Dabei stoße man die Nadel von Hand in die Haut. Ganz ursprünglich, sagt er, wie man es in der japanischen Tätowiertradition findet. „Das ist wie zu Fuß gehen im Gegensatz zum Autofahren. Ich gehe gern zu Fuß.“

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