Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

The Mother of Punk

Mode gegen das Establishment: Vivienne Westwood

16. April 2014

Vivienne Westwood gehört zu England wie rote Telefonzellen und Fish 'n' Chips. Sie ist ein Superstar der Modewelt und hat London zu einem Zentrum der Haute Couture gemacht. In ihren Anfangsjahren sorgte die heute 73-Jährige aber nicht unbedingt mit ihrem Talent für edle Fummel für Aufsehen, sondern mit ihrem Feldzug gegen das Establishment.

Während der Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen Mitte der 60er Jahre protestierten Menschen weltweit gegen die herrschenden Eliten. Sie warfen ihnen vor, weniger privilegierte Schichten zu unterdrücken. „Vivienne Westwood hatte ein gutes Gespür für das, was auf der Straße passierte. Sie griff es auf und setzte es in Mode um“, sagt Dorothee Warning, Leiterin der Nähwerkstatt an der Berliner Hochschule der Künste. Sie lernte die Westwood kennen, als diese zwölf Jahre lang als Gastdozentin in Berlin unterrichtete.

Westwoods Mode sei zudem eine Rebellion gegen Gehorsam und Respekt vor Gesetz und Obrigkeit gewesen. „Erziehung hieß damals: Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, machst du, was ich dir sage“, erklärt Warning. Aber nicht bei Vivienne Westwood!

Mit Lack und Leder gegen den Strom

Mit Lack und Leder, Sadomaso und Sicherheitsnadeln lehnte sich Westwood, die in einer Arbeiterfamilie im Norden Englands aufwuchs, gegen das System auf. Konformität und der Geschmack der Massen waren und sind ihr zuwider. „Ich sah mich damals noch nicht als Modemacherin“, sagte sie 1997 dem Zeit-Magazin. „Wir suchten nach Motiven der Rebellion, um es dem Establishment zu zeigen.“ Das Ergebnis war Punk. Unterstützt und inspiriert wurde sie dabei von ihrem damaligen Mann Malcolm McLaren, der die Sexpistols managte. Zusammen eröffneten sie 1971 ihre erste Boutique an der King’s Road 430.

Heute gilt Westwood als Erfinderin der Punkmode: „Diese Art von Kleidung, zerfetzt und mit provokativen Aufdrucken, mit Bildern von nackten Menschen – das war zu der Zeit noch sehr revolutionär“, weiß Dorothee Warning. „Das hat sich einfach nicht gehört. Heute hat man sich an so was ja gewöhnt.“

Hauptsache unpopulär

Wer Westwoods Kreationen trug, wurde zum Mitglied der Gegenkultur. Das Mädchen aus einfachem Hause strebte danach, Werte und Geschmack auf den Kopf zu stellen, alles anders zu machen als die anderen. „Nur durch unpopuläre Ideen kann man die Welt verändern, sie sind die einzige Möglichkeit der Subversion“, sagt die Designerin selbst.

1981 brachte Westwood ihre erste professionelle Mode-Kollektion heraus, die berühmte Piraten-Kollektion – ein Abschied von der Punkszene, die drohte zum Mainstream zu werden. 1983 trennte sie sich auch von McLaren. Es dauerte lange, bis die Medien ihre Verwandlung registrierten. Ständig auf ihre Vergangenheit angesprochen sagte sie einst im Stern-Interview: „Ich habe Besseres zu tun, als alten Ideen nachzuhängen. Punk war für mich eine reine Fingerübung. Ich wollte herausfinden, inwieweit man die Verhältnisse verändern kann, indem man das System attackiert.“

Mit Mode gegen den Konsum

Bei ihrer subversiven Haltung blieb Westwood aber erst einmal – mit Mode abseits des Mainstream gegen das Zeitalter der Massenproduktion. Dennoch: Mit ihren Haute Couture Linien, die sie nun mit Talent und Ideenreichtum entwarf, wurde sie immer erfolgreicher. Das System, das Westwood so sehr bekämpfte, machte sie schließlich zu einer internationalen Marke, die noch immer sehr begehrt ist.

Trotzdem ist sie politisch immer aktiv geblieben, vor allem, wenn es um Aktionen gegen den Klimawandel geht. So entwarf sie zum Beispiel T-Shirts für die Organisationen Cool Earth und Greenpeace. Ihr Kampf gegen die Erderwärmung ist auch immer noch ihr Kampf gegen eine zunehmend auf Konsum fixierte Welt. Doch was wäre Westwoods High-End-Mode ohne den Kapitalismus und Materialismus von heute?

„Man muss einerseits natürlich sagen, dass die Fashion Weeks in Paris, London, Tokio die Fahnenstange des Überkonsums und der Kapitalwirtschaft sind“, sagt Boris Schinke von der Organisation Germanwatch. „Da werden Dinge vorgestellt, die sich nur bestimmte Eliten leisten können und die eigentlich niemand braucht. Das heißt, es wird eine künstliche Nachfrage geschaffen.“

Man könne so einen systemischen Fehler entweder komplett ablehnen, meint der Experte für Internationale Klimapolitik, oder – und so mache es Westwood – aus dem System heraus versuchen, etwas zu ändern. „Ich finde es eigentlich gut, wenn eine Topdesignerin so ein Forum nutzt, um mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu fordern. Sie kennt sich gut aus in der Modewelt, sie versteht die Mechanismen und weiß, welche Kanäle sie adressieren kann, damit ihre Message ankommt“, sagt Schinke.

Ohne Schlüpfer zur Queen

Die „Designerin der Anarchie“ lässt sich gern durch historische Epochen beeinflussen und liebt Stoffe im britischen Stil – Wolle, Tweed und Schottenkaros. Ihren immer neuen Mode-Erfindungen hat sie es zu verdanken, dass sie zweimal hintereinander die Auszeichnung zur britischen Modeschöpferin des Jahres bekam. Auch Queen Elizabeth II wollte Westwoods Verdienste um die britische Mode nicht ungewürdigt lassen. 1992 verlieh sie ihr den „Order of the British Empire“. In einem medienwirksamen Moment ließ Westwood dabei vor den Fotografen ihren Rock hüpfen und offenbarte: Unter ihrer durchsichtigen Strumpfhose trug sie eindeutig keinen Schlüpfer. Da war sie wieder, die Rebellin.

Und obwohl Vivienne Westwood zum silbernen Thronjubiläum der Queen ein T-Shirt trug, auf dem die Königin mit Sicherheitsnadel in der Lippe und Graffiti über den Augen zu sehen war, erhielt sie 14 Jahre später auch noch den Ritterschlag von ihr – die Ernennung zur Dame Vivienne Westwood.

Macht es doch selbst!

Heute nutzt sie ihr Standing, um der Fashion-Industrie zu zeigen, wie es anders gehen kann. Sie sagt: Ihr müsst meine Kleider nicht kaufen. Macht sie doch selbst! Sie regt zum Do-it-yourself an, setzt sich für Recycling ein und dafür, weniger Dinge zu besitzen. Auch sie hat 30 Jahre lang, sogar zu sehr erfolgreichen Zeiten, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt. Ihre aktuelle Revolution heißt „Climate Revolution“, die sie auf ihrem Blog vorantreibt. Sie ist für Westwood der ultimative – und vielleicht letzte – Kampf, wie sie in einem Video auf Dazed Digital sagt: „Wenn wir den nicht gewinnen, wird es die Menschheit nicht mehr geben.“

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