Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

BMXing from Bremen to Durban

Inclusive Project: Sportgarten

14. September 2016

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SPORTGARTEN. The people behind this neighbourhood-funded bike, skate and climbing park in Germany have transported the idea to Durban, SA

“From the very beginning,“ says Ulli Barde, head of inventive German sports initiative Sportgarten, „this has been an inclusive project for all kinds of youngsters, no matter what their age, sex, education, ethnicity, social status or place of residence.”

Young people in Bremen, north-west Germany, lacked space to hang out and play sports together whenever they wanted, especially when it came to skating, BMX and climbing as these sports didn’t qualify for city funding.

“We learned not only to design a facility, but also to get the money to build it,” recalls Barde. “Together with the kids we raised €200,000 through sponsored runs, charity activities, flea markets and other events.” The park opened in 1999 and 200-300 young people now visit every day.

Now the city of Durban in South Africa – the cities are twinned – has adopted the concept to build a South African version. Youngsters from Durban can do internships at Sportgarten while Ulli Barde and his team send interested Germans as volunteers to their partner organisation in the city.

One of these volunteers, Moritz Kistenfeger, spent a year in Durban and was involved in the construction of three bike parks in the Inanda, Ntuzuma and KwaMashu (INK) area 30k north of the city. The area has the second largest agglomeration of poor neighbourhoods in the country.

“The sites give kids the chance to learn and practice biking in a safe environment with professional coaches,“ says Moritz. „Later they will be able to do their homework under supervision in classrooms on these sites.”

The programme is open to everybody and is free of charge. “The sites have already become a real venue for young people: they can’t wait to be on the tracks,” explains Moritz. “That’s because there are basically no alternatives in the area. In other parts of the city with a mainly white population, you have huge facilities with ten gardeners and a view of the Indian Ocean. I’ve never seen a contrast like that before.”

“I learned a lot while working in this project – mainly that there are other ways of doing things. Because it’s sometimes not as organized as in Germany, I had to learn to be patient and more creative in solving problems,” sums up Moritz Kistenfeger.

Sandile Maphumolo from Durban also experienced a new culture when coming to Germany. “At first I was quite put off because I found it unwelcoming. In time I learned to understand that every culture is different and I need to adjust to the system and enjoy the experience.”

Besides the exchange with Durban, Ulli Barde constantly talks to sponsors, organizes big events and establishes new cooperative projects. The latest Sportgarten venture is the construction of an indoor skate park in downtown Bremen – with a difference.

The skate park will be combined with a digital media centre so kids can work creatively together in designing urban venues, making videos and using a laser cutter. “The technology also helps in getting young people to take part in decision-making processes,” says Barde. “It’s easier to discuss ideas when the kids can plot out their models with the laser cutter and make them tangible. I’m always interested in bringing together different groups, in this case skaters and computer nerds.“

Meanwhile the Sportgarten’s techniques are getting international recognition: the EU has included them in next month’s European Week of Cities and Regions. „We will present Sportgarten and discuss with the other countries how cities are addressing the challenge of urban poverty through inclusion, education and social innovation initiatives,” says Ulli Barde. “We are excited to learn from other innovative projects and to share our expertise.”

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Take-away für Reste

Too Good To Go sorgt mit einer App dafür, dass Restaurants weniger Essen wegschmeißen müssen

5. Juli 2016

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Seit diesem Jahr sind sie in Frankreich Pflicht: die sogenannten Doggy Bags. Der Begriff stammt aus den USA und hatte ursprünglich die Bedeutung, dass Essensreste im Restaurant für den Hund eingepackt wurden. Kein Wunder, dass sich die Haute Cuisine, die gehobene französische Küche, mit dem Konzept schwertut.

Was in vielen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, galt in Frankreich lange Zeit als Fauxpas: Ist die Mahlzeit zu groß, lässt man sich die Reste eben einpacken. Doch ein neues Gesetz schreibt französischen Restaurants nun vor, Doggy Bags auf Lager zu haben, wenn sie mehr als 150 Essen pro Tag servieren. Denn allein in der Gastronomie werden jedes Jahr eine Million Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Le Gourmet Bag

Die französische Regierung möchte gegen die Verschwendung angehen: Bis 2025 soll nur noch halb so viel weggeschmissen werden. Allez la France! Helfen soll dabei unter anderem das Doggy-Bag-Gesetz. Und das Problem mit dem Begriff? Hierfür fanden Gastronomen eine elegante Lösung: Sie tauften die „Hundetüte“ kurzerhand um in „Gourmet Bag“.

Bis das Konzept im Land der Gourmets richtig akzeptiert ist, wird es wohl noch etwas dauern – laut einer Umfrage der Regierung haben 70 Prozent der Franzosen noch nie Reste mit nach Hause genommen. Allerdings wird die Idee der Doggy Bags von 75 Prozent der Befragten befürwortet.

Wir Deutschen haben da grundsätzlich etwas weniger Hemmungen, die Überbleibsel unseres Schnitzels oder der Gemüsepfanne zum späteren Verzehr mitzunehmen. Trotzdem: Auch bei uns muss die Gastronomie pro Gast rund 23,6 Kilogramm Lebensmittel im Jahr wegwerfen.

Zu gut für die Tonne

Anders als in Frankreich setzt die Bundesregierung auf Freiwilligkeit und hat die Initiative „Zu gut für die Tonne“ ins Leben gerufen. Im Rahmen der Aktion „Restlos genießen“ wurden bundesweit 17.600 kompostierbare „Beste-Reste-Boxen“ an Restaurants verteilt. Sie können auch online bestellt werden und sollen die Gastronomie animieren, ihren Gästen das Einpacken von Resten aktiv anzubieten.

Außerdem gibt es die „Zu gut für die Tonne“-App mit derzeit rund 350 Rezepten von Sterneköchen und prominenten Kochpaten wie Sarah Wiener, Johann Lafer und Daniel Brühl. Sie zeigen, wie man aus übriggebliebenen Lebensmitteln leckere Restegerichte zubereitet. Die App gibt auch Tipps zum Einkauf, zur richtigen Aufbewahrung und Verwertung von Lebensmitteln.

App: Too Good To Go

Einen anderen Ansatz verfolgt das Startup Too Good To Go, das ebenfalls eine App entwickelte: Restaurants können damit ihre Speisen kurz vor Ladenschluss günstig an Selbstabholer verkaufen. Kunden zahlen über die App oder die Internetplattform, bekommen eine Bestätigung und holen sich das Essen dann direkt beim Betrieb ab. Dort erhalten sie eine biologisch abbaubare oder wiederverwendbare Box, die entweder bereits befüllt ist oder individuell zusammengestellt werden kann.

Die Idee dieses „Take-Away-Services“ für frische Lebensmittel, die ansonsten im Müll landen würden, startete Ende 2015 in Dänemark. Mittlerweile gibt es Teams in vielen Ländern. Die angebotenen Speisen haben einen Preis ab 2 Euro pro Portion, wovon ein Euro an das Startup geht, das sich um die digitale Infrastruktur und den Kundenservice kümmert. Ein Gewinn für alle Seiten, einschließlich der Umwelt: Für die Produktion der Lebensmittel sind schließlich Ressourcen und Transportwege angefallen.

In Dänemark kooperieren bereits über 300 Betriebe mit dem Jungunternehmen. Auch in Deutschland wächst die Zahl, wie man auf Facebook lesen kann: „Tag für Tag machen mehr Restaurants bei Too Good To Go mit und wir kommen unserem Ziel, dass all die leckeren Lebensmittel NICHT mehr in der Mülltonne landen, Stück für Stück näher.“ Übrigens: Wer noch kein kooperierendes Restaurant in seiner Nachbarschaft hat, kann dem Startup per Website-Formular Betriebe vorschlagen, die teilnehmen sollten.

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Urban Farming

ECF Berlin: Im Kreislauf gedacht

17. Mai 2016

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So frisch wie aus Omas Schrebergarten: Die ECF Farm produziert Fisch und Gemüse in Berlin-Schöneberg. Näher am Verbraucher geht es kaum.

Landwirtschaft mitten in der Stadt? Im Kleinen ist uns das Modell als Urban Gardening schon bekannt. Doch da geht es mehr um das städtische Gärtnern, die Begrünung von Brachflächen und Bepflanzung von noch so kleinen Beeten am Straßenrand. In den Gemeinschaftsgärten wird natürlich auch Gemüse angebaut und meist für den Eigenbedarf geerntet.

Das Konzept des Urban Farming geht jedoch weiter. In vielen Ländern leben bereits mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Um diese mit frischen Lebensmitteln zu versorgen ohne lange Transportwege und Kühlketten in Kauf nehmen zu müssen, haben sich einige Startups gedacht: Produzieren wir doch Gemüse und Fisch im großen Stil direkt in der Stadt, in unmittelbarer Nähe zum Verbraucher.

Frisch aus der Hauptstadt

Beispiele dieser sogenannten Aquaponik-Farms sind Green Acre Aquaponics in den USA und hierzulande das Jungunternehmen ECF in Berlin. Das ECF-Team kombiniert die Zucht von Buntbarschen mit Gemüseanbau aus einem einfachen Grund: Das nährstoffreiche Wasser aus der Fischzucht eignet sich hervorragend als umweltfreundlicher Dünger für die Gewächshäuser. „Wir sehen in dieser Art von Farmsystem in der Stadt viel Potenzial“, sagt ECF-Geschäftsführer Nicolas Leschke. „Es spart Wasser, CO2 und Transportwege. Die Lebensmittel werden nachhaltig produziert und kommen wirklich frisch beim Konsumenten an.“

Wer die Produkte etwa am ECF-Stand in der Markthalle Neun in Kreuzberg kauft, kann sich sicher sein, dass weder Gentechnik noch Antibiotika oder Pestizide bei der Herstellung im Spiel waren. Der Fisch stammt nicht aus überfischten Weltmeeren, er wird handgefangen, handverarbeitet und handverpackt. Mittlerweile hat der „Hauptstadtbarsch“ Einzug in viele Supermarktfilialen in Berlin erhalten. Saisonales Gemüse und Kräuter werden auch an Gastronomie-Betriebe geliefert.

So funktioniert‘s

Aquaponik setzt sich zusammen aus Aquakultur, also der Fischaufzucht in einer Kreislaufanlage, und Hydroponik, dem Pflanzenanbau im Wasser. Das Gesamtsystem ist sehr ressourcenschonend konzipiert: Das auf dem Dach gesammelte Regenwasser wird zunächst in der Aquakultur eingesetzt, wo die Speisefische heranwachsen und dabei das Wasser mit Nährstoffen anreichern. Anschließend gelangt das Wasser in den Gewächshausteil der Farm, wo die Pflanzen die Nährstoffe aus dem Wasser für ihr Wachstum nutzen.

Grundsätzlich könnten verschiedene Süßwasserfische in der Anlage produziert werden. Die ECF-Farmer haben sich zunächst für den Buntbarsch entschieden. Sein weißes Fleisch ist wohlschmeckend und hat wenig Gräten. Der Buntbarsch – auf Grund seiner rötlichen Färbung auch Rosé Barsch genannt – ist weltweit ein gefragter Fisch für Aquakulturen, da er krankheitsresistent und ein guter Futterverwerter ist. 1,2 Kilogramm Biofutter ergibt 1 Kilogramm Fisch. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Rindfleisch benötigt ganze 8 Kilogramm Futter.

Das Hauptstadt-Gemüse besteht unter anderem aus Tomaten, Salat, Sprösslingen und Kräutern. „Darunter befinden sich auch spannende alte Sorten“, verrät Nicolas Leschke. Sie werden saisonal angebaut und tagesfrisch an den Kunden weitergegeben.

Nischengeschäft

Das Hauptgeschäft von Leschke und seinem Team ist jedoch nicht die Berliner ECF Farm an sich, sondern das Planen und Bauen von Aquaponikfarms für den internationalen Markt. Die Nachfrage scheint zu wachsen. Doch Leschke ist Realist: „Urban Farming wird immer eine Nische bleiben. Um den Lebensmittelbedarf aller Menschen zu decken, bleibt die traditionelle Landwirtschaft unerlässlich.“

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Das erste Mal

Verliebt in eine Frau

22. Januar 2016

Michele hat einen Freund, schon seit vielen Jahren. Dann trifft sie Elif, eine türkische Studentin, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Seitdem ist nichts mehr so, wie Michele es gewohnt war. Zum Glück.

Michele ist 21 als sie Elif kennenlernt. Als Aushilfen arbeiten die beiden Studentinnen bei der KVB, den Kölner Verkehrsbetrieben. Eine Begegnung, die Michele völlig aus der Bahn wirft.

Michele: „Nachdem ich Elif ein paar Mal getroffen hatte, wusste ich zwar, dass sie lesbisch ist. Ein Thema war das aber nicht. Ich hatte schon lange einen Freund. Für ihn bin ich auch nach Köln gekommen. Elifs Ausstrahlung hat mich aber von Anfang an fasziniert. Ich habe gemerkt, dass ich gern in ihrer Nähe bin.“

Elif: „Eigentlich war Michele gar nicht mein Typ. Ich fand sie am Anfang sogar eher unsympathisch: Sie war neu und die Jüngste bei der KVB und dachte trotzdem, sie könnte uns alle belehren. Aber das war nur der erste Eindruck. Als ich später herausfand, wie toll sie eigentlich ist, hat sich alles verändert.“

Mehr als Freundschaft?

Zusammen mit den anderen Aushilfen gehen sie aus und lernen sich besser kennen. Irgendwann wird Michele klar, dass da etwas zwischen ihnen ist. Etwas, das mehr ist als Freundschaft. Aber was? Sie findet es heraus, als sie gemeinsam Karneval feiern.

Michele: „Wir hatten ausgemacht, dass ich bei Elif übernachte. Ich glaube, wir hatten beide das Gefühl, dass an diesem Abend etwas passieren würde. Als wir nach dem Feiern in Elifs Wohnung ankamen, waren wir total verkrampft. Irgendwann hab ich mich getraut und gesagt: ‚Du, ich kriege noch ein Bützje von dir.‘ Aus dem traditionellen Karnevalsküsschen wurde dann aber ein ziemlich langer Kuss.“

„Am Tag danach war ich total fertig. Zuhause hab ich als erstes meine Mutter angerufen: ‚Mama, ich muss dir was erzählen, ich hatte gerade was mit einer Frau. Ich glaub, ich hab mich verliebt.‘ Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. Doch meine Mutter hat nur gesagt: ‚Hör einfach auf dein Gefühl‘.“

Auf der einen Seite denkt Michele: „Ich muss mit meinem Freund reden“. Auf der anderen Seite ist alles neu, anders. „Ich muss nachdenken“, sagt sich Michele. Aber zum Nachdenken kommt sie nicht.

Michele: „Ich war voller Glücksgefühle, Elif hat so viel in mir wachgerüttelt, dass ich der Sache einfach nachgehen musste. Zwei Wochen treffen wir uns, alles verschwimmt in dieser turbulenten Zeit. Ich glaube, ich habe tagelang nicht geschlafen, weil unglaublich viel in mir passiert ist.“

Elif: „Ich wollte mich gefühlsmäßig erst nicht darauf einlassen, weil ich nicht dachte, dass Michele es wirklich ernst meinen könnte. Ich wusste ja, dass es da auch noch den Freund gibt. Ich hatte Angst, dass sie mir das Herz bricht.“

Michele ist klar, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Ihr schlechtes Gewissen quält sie – und sie kann ihre Gefühle für Elif nicht mehr verbergen. Sie sagt ihr, dass sie es ernst meint. Dass es nicht nur „eine Phase“ ist. Auch Elif ist verliebt, sie will mit Michele zusammen sein. Dafür braucht es aber klare Verhältnisse.

Was bleibt, ist die Aussprache mit dem Freund. Wirklich erklären kann Michele ihm das Ganze nicht, weil sie es ja selbst kaum versteht. Aber sie will ehrlich sein.

Michele: „Ich habe nicht drumherum geredet. Einfach raus damit, dachte ich: ‚Ich habe mich in eine Frau verliebt, und zwar durch und durch‘. Das war nicht einfach. Er konnte das gar nicht verstehen. Es kam für ihn ja auch aus heiterem Himmel, er hatte die Entwicklung nicht mitbekommen. Aber danach war ich erleichtert: endlich Klarheit.“

Eine Sache des Respekts

Michele würde ihre Freude am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Aber das geht nicht. Denn Elif redet mit ihrer türkischen Familie nicht offen über ihr Privatleben, so wie es Michele tut. Zu diesem Zeitpunkt ist Elif vor ihrer Mutter noch nicht geoutet, sie möchte auch nicht, dass jemand auf der Arbeit etwas davon weiß. „Ich bin so erzogen worden, dass man sich als Paar in der Öffentlichkeit nicht küsst, das hat was mit Respekt vor anderen Leuten zu tun“, sagt Elif.

Michele: „Für mich war das ungewohnt. Ich kannte das so nicht. Als wir länger zusammen waren, lernte ich ihre Familie kennen. Ich musste aber immer aufpassen, was ich sage, denn wir waren ja angeblich nur Arbeitskolleginnen, Mitbewohnerinnen und beste Freundinnen. Als wir zusammengezogen waren und die Familie zu Besuch kam, nahmen wir die gemeinsamen Bilder von der Wand und gaben vor, das Arbeitszimmer sei mein Zimmer.“

Heute sind Elif und Michele verheiratet. Es hat zwar gedauert, bis Elif den Mut aufbrachte, ihrer Mutter zu sagen, dass sie lesbisch ist. Und sie traute sich erst einen Monat vor der Hochzeit, ihr zu erklären, dass sie Michele heiraten würde. Aber nun wissen alle Bescheid. Ihre Mutter erlitt keinen Nervenzusammenbruch, wie Elif befürchtet hatte. Sie kam sogar zur Hochzeit. Durch Micheles offenen Umgang bin ich auch entspannter geworden“, sagt Elif. Spätestens auf der Hochzeit haben alle gesehen, wie glücklich wir sind. Und darum geht es doch.“

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Was Hip-Hop mit veganem Fastfood zu tun hat

Die Schnittstelle heißt „Bär“

10. Dezember 2015

Xond, das heißt gesund. Auf Schwäbisch versteht sich. Xond soll eine gesunde, vegane Bio-Fastfood-Kette werden. Bio und Fastfood klingt widersprüchlich? Nicht für Musikproduzent Andreas Läsker, genannt Bär.

Der Manager der Fantastischen Vier will nun die Gastroszene rocken. Und zwar 100 Prozent vegan. Dass ihn das Thema beschäftigt, zeigte er schon Anfang des Jahres mit seinem Buch „No Need for Meat“. Für den 52-Jährigen steht fest: Möchte man den ganzheitlichen Weg gehen, gibt es keine andere Option, als sich vegan zu ernähren. Daher auch der Slogan „Xond – nix wie veg“.

Mit seiner Idee will Läsker die immer wachsende Nachfrage nach veganer Ernährung decken. Er findet das aktuelle Angebot viel zu klein: „Wenn ich durch Stuttgart laufe, fällt mir immer wieder auf, dass man auf die Schnelle nur Schrott essen kann“. Currywurst, Pommes, Pizza, Döner – braucht kein Mensch, meint der Feinschmecker. Zumindest nicht tierisch und fetttriefend. Fritten soll es auch bei Xond geben, aber deren Fettanteil beträgt nur fünf Prozent.

Die Gerichte für das Restaurant hat das Team von Xond selbst entwickelt. Läskers Highlight: das Xondwich mit Zucchini, getrockneten Tomaten, der eigens kreierten Mayo und Räuchertofu. „Bloß nichts, was durchsuppt wie Gurken und Tomaten“, sagt Läsker, der viel und gerne kocht. Es wird auch anderes klassisches Fastfood geben, nur eben in bio und vegan.

Warum Fastfood?

„Wir leben in einer sehr schnellen Zeit“, sagt der Stuttgarter. „Und manchmal brauchen wir auch eine schnelle Mahlzeit. Das muss aber nicht gleichbedeutend mit ungesund sein.“ Gesunde Ernährung sei viel einfacher als die meisten sich das vorstellen. Er wolle zeigen, dass man auch mit Fastfood bewusst leben kann – und nicht auf Kosten von Tier und Umwelt.

Warum Kette?

Xond wird ein Franchise-Unternehmen, andere können also Xond-Filialen eröffnen, wenn sie eine Lizenzgebühr an Läsker zahlen. „Der Aufwand, das Baby großzuziehen, soll sich ja auch lohnen“, sagt er. Und die Marktlücke für vegane, gesunde und schnelle Kost sei überall in Deutschland riesig. Die erste Filiale wird voraussichtlich Ende März im zentralen Stuttgarter Leonhardsviertel öffnen. Gespräche mit Franchise-Partnern in weiteren Städten werden bereits geführt.

„Wir machen direkt neben einer Currywurstbude auf – besser geht’s nicht!“ Andreas Läsker

Im Xond-Team mischen inzwischen viele junge Leute mit. „Manche haben sich über Facebook gemeldet und wir bekommen viele Mails von Leuten, die einfach Bock haben mitzuhelfen.“ Für Läsker ist längst offensichtlich, dass vegane Ernährung kein Trend mehr ist, sondern ein Paradigmenwechsel. „Das geht auch nicht wieder zurück“, ist er überzeugt.

In der Musikbranche hat Andreas „Bär“ Läsker schon bewiesen, dass er Marktvoraussicht, strategisches Denken und Marketingwissen mitbringt: Aus den vier Stuttgarter Jungs, die ihm in seinem Plattenladen 1989 ihr Tape in die Hand drückten, wurde eine der beliebtesten Hip-Hop-Gruppen Deutschlands.

Bei seinem neuen Projekt hofft er auf denselben Erfolg: Er sieht in Xond nicht nur ein Restaurant, sondern eine Marke. Eigene Xond-Produkte wie Ketchup, Majo und Senf sind in der Entwicklung und Kooperationen mit Krankenkassen, Personalabteilungen und Ernährungsberatern in Planung. Auch eine rein vegane Messe, Vorträge und Kochkurse will Xond anbieten.

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Im Fitnessstudio Strom erzeugen – geht das?

Power to go

19. November 2015

Ein Fitnessstudio ist eigentlich das reinste Kraftwerk: Täglich setzen wir dort mit unseren Muskeln Energie frei. Wie können wir die weiterverwenden?

Auch Umweltverbände haben sich diese Frage gestellt: Schon 2004 luden der Naturschutzbund und der Verkehrsclub Deutschland zum weltweit ersten regenerativen Fitnessstudio ein (Pressemitteilung). Die Idee: Transformations-Dynamos würden die auf dem Fahrrad produzierte Energie direkt ins Stromnetz einspeisen.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Die Meldung war ein Aprilscherz.

Was damals noch völlig utopisch schien, ist in England heute Wirklichkeit. The Great Outdoor Gym Company betreibt Fitnessparks auf öffentlichen Plätzen. Seit ein paar Jahren auch mit Geräten, die Strom produzieren, wenn man sie nutzt. Damit können Studenten eines Colleges jetzt zum Beispiel ihre Handys aufladen. Die überschüssige Energie wird ins Netz eingespeist und fließt ins Unigebäude.

Geht das auch in Deutschland?

Ganz so weit sind wir in Deutschland noch nicht. Aber einen Vorreiter gibt es auch hierzulande: das Green Gym Berlin. Betreiber René Eick, 52 Jahre, Fitnesstrainer auch Maschinenbauingenieur, hat es schon immer gewurmt, dass die in seinem Fitnessstudio erzeugte Energie einfach im Trainingsschweiß verpufft. Die Gäste strampeln – und was kommt dabei heraus? Wärme. Dabei wäre doch Elektroenergie viel praktischer.

Um diese Transformation hinzubekommen, baute Eick die Geräte mit ein paar Tüftler-Freunden auseinander, installierte Spannungswandler und legte Kabel zu einer Batterie. „Bis wir raus hatten, wie es funktionieren könnte, vergingen ungefähr vier Monate“, erzählt Eick. Damals, 2009, sei er der erste in Europa gewesen, der diese Idee in die Tat umsetzte. Insgesamt schloss er 19 Fahrradergometer und Crosstrainer an das interne Stromnetz an. Über Steckdosen an den Geräten können Mitglieder ihre Handys oder MP3-Player aufladen und so ihren selbst produzierten Strom mitnehmen. Die nicht verwendete Energie fließt in die Beleuchtung des Kardiobereichs.

Eine Frage des Profits

„Man darf sich aber nichts vormachen“, räumt Eick ein. „Wer eine Stunde auf dem Crosstrainer schwitzt, erzeugt um die 80 Wattstunden. Damit kann man zwei Glühlampen eine Stunde lang zum Leuchten bringen.“ Um ein Handy komplett zu laden, müsse man schon zwei bis drei Stunden trainieren. Das erklärt wohl auch, warum das Studio in Prenzlauer Berg mit seinen stromproduzierenden Geräten noch immer allein auf deutscher Flur ist. „Die Technik ist noch nicht so effizient, dass die Industrie eine Möglichkeit auf Profit sieht“, sagt Eick. Auch er selbst verdiene an der Idee kein Geld.

René Eick geht es aber um etwas anderes. Die Leute kämen in sein Studio, um sich gesund und fit zu halten. Wenn sie ihre eigene Energie nach dem Workout mitnehmen können, gäbe es einen doppelten Nutzen: „Zum einen steigert es die Motivation. Zum anderen wird ihnen bewusst, wie Energie erzeugt und genutzt werden kann. Vielleicht denken sie dann auch Zuhause darüber nach, woher ihr Strom kommt.“

Nicht ohne mein Fahrrad

Noch ist das Interesse an grünen Fitnessgeräten auf dem deutschen Markt überschaubar. Immerhin kommt die Technik aber spielerisch zum Einsatz: In vielen Städten finden zum Beispiel Fahrradkinos statt. Dabei treten mehrere Menschen auf festmontierten Fahrrädern in die Pedale, um Strom für die Projektion eines Films zu erzeugen.

Hier setzt auch das Startup Pedal Power aus den USA an. Das Unternehmen designt zweckentfremdete Fahrräder, um Strom zu generieren. Denn warum sollte man die Effizienz eines Fahrrads nur nutzen, um sich fortzubewegen? Besonders wertvoll könnte die erstrampelte Energie bei einem Stromausfall werden und für Menschen in Entwicklungsländern, meinen die Gründer.

Pedal Power ist davon überzeugt, dass die Fahrradtechnologie für viele tägliche Aufgaben eingesetzt werden kann. Die eigene Energie zu nutzen statt den Strom einfach vom Netz zu zapfen, mache nicht nur Spaß, schreiben die Unternehmer auf ihrer Website. Man begreife besser, wie viel Energie man verbraucht. Das könnte dabei helfen, seinen ökologischen Fußabdruck zu verringern.

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Hoffnung in unsicheren Zeiten

AGEH-Fachkräfte in Mexiko

30. April 2015

Mexiko leidet stark unter der organisierten Kriminalität: Tödliche Schlachten um Kokain, Marihuana und Amphetamine, um Waffen, Menschen und Geld machen immer wieder Schlagzeilen. Aber neben den tagtäglichen Ermordungen und Entführungen gibt es auch Geschichten, die Hoffnung schenken. Sie erzählen von Solidarität und von Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Ärmsten im Land ein sicheres Dach über dem Kopf haben. Zwei Architekten, die genau das tun, habe ich für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe interviewt.

2012 wurde Javier Rodriguez am Flughafen in Honduras festgenommen. Der Architekt kam gerade aus Ecuador von einem AGEH-Seminar zum Thema Sicherheit. Das Wissen darüber, wie man sich in einer solchen Situation am besten verhält, war also noch ganz frisch. „Der Strafvorwurf war natürlich ausgedacht“, so Rodriguez. In korrupten Systemen komme das immer wieder vor, die Polizisten würden sich dadurch einen Vorteil erhoffen. Nach 24 Stunden war der Mexikaner mit französischem Pass wieder auf freiem Fuß. Seine Verhaftung gab jedoch den Ausschlag, innerhalb des Instituts IMDEC, für das Rodriguez in Mexiko arbeitet, eine Sicherheitskommission einzurichten.

Das Instituto Mexicano para el Desarollo Comunitario (IMDEC) setzt sich für ländliche Entwicklung und Menschenrechte ein. Javier Rodriguez und seine französische Frau Sandrine Minier – ebenfalls Architektin – beraten die Gruppen, mit denen das Institut zusammenarbeitet. Ihr Schwerpunkt: das Recht auf Wohnraum. Sie unterstützen Dorfbewohner dabei, Häuser mit lokalen und natürlichen Materialen wie Erde, Lehm, Stein und Bambus zu bauen, und zeigen ihnen, wie sie Regenwasser speichern, Abwasser nutzen und Kompostlatrinen fertigen können.

Kulturelle Identität erhalten

„Unsere Arbeit besteht darin, die kulturelle Identität von Dörfern und Kommunen zu erhalten“, erklärt Sandrine Minier. „In Mexiko wird seit Jahrhunderten die Erdbauweise praktiziert. Wir verteidigen das Wohnrecht der Menschen, indem wir zeigen, dass sich auch diejenigen, die weniger Ressourcen und Geld zur Verfügung haben, ein Haus bauen können – nämlich mit dem, was sie vor Ort zur Hand haben.“

Seit 2002 sind die beiden AGEH-Fachkräfte. Ihre Mitarbeit wird vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor finanziert. In Honduras unterstützten sie zunächst Kommunen und Familien, die ihre Wohnungen nach dem Hurrikan Mitch verloren hatten. „Die eingestürzten Häuser waren mit Industrie-Materialien wie Zement errichtet worden – ein Baustoff, der nicht nur teuer, sondern auch schwer in entlegene Gebiete zu transportieren ist“, sagt Javier Rodriguez. Die beiden Architekten kannten sich mit alternativen Bauweisen aus und arbeiteten vor Ort mit einer lokalen Organisation zusammen. „Wir blieben vier Jahre dort. Danach waren wir auch in anderen zentralamerikanischen Ländern im Einsatz.“ In einigen Regionen wie El Salvador kam ein zusätzlicher Aspekt ihrer Arbeit hinzu: Die Häuser müssen hier auch erdbebensicher konstruiert werden.

„Wir stellten fest, dass viele Menschen kein Vertrauen mehr in die Erdbauweise haben“, sagt Sandrine Minier. Das sei die Konsequenz der Industrie-Propaganda, die den Zement bewirbt. „Eine eiskalte Strategie, denn zu Beginn haben sie Zement nicht zum regulären Preis, sondern günstiger verkauft“, meint Minier. „So wollten immer mehr Menschen mit dem modernen industriellen Stoff bauen, und sie vergaßen das alte Wissen um traditionelle Bauweisen. Irgendwann kam der Moment, in dem die Bevölkerung abhängig von den neuen Materialien war.“

Häuser eigenständig errichten

An Orten mit großer Erdbebengefahr hört das Paar oft, dass die Konstruktion mit Erde oder Lehm nicht sicher sei. „Und wir antworten: Doch, das ist sie. Man muss Lehmhäuser nur richtig stabilisieren, genau wie man es mit einem Haus aus Zement machen muss“, sagt Javier Rodriguez. Der Vorteil bei der Verwendung von natürlichen Materialen sei, dass sie auch in armen Kommunen vorkämen und wiederverwertbar seien, sollten die Häuser einstürzen. „In Haiti haben wir 2010 gesehen, was mit Port-au-Prince passiert ist. Die Betonhäuser waren nicht erdbebensicher gebaut worden und als sie einstürzten, lagen die Zementbrocken auf dem Boden, ohne dass die Bevölkerung das Material aufsammeln und erneut benutzen konnte.“ Lehm brauche dagegen nur Wasser, um sich erneut formen zu lassen. So könnten die Menschen ihre Häuser eigenständig wiedererrichten.

Rodriguez und Minier sehen es als ihre Aufgabe an, das Wissen um traditionelle Bauweisen gemeinsam mit den Kommunen zu recherchieren und zu erhalten. „Die Menschen, die diese Kenntnisse noch haben, teilen sie oft nicht, weil sie sie nicht wertschätzen“, stellt Rodriguez fest. „Wir zeigen ihnen, dass das Wissen sehr nützlich für die Gemeinschaft ist.“

Schwieriger wird es, wenn es keine etablierte Kommune gibt. Seit die Architekten in Mexiko leben und beim IMDEC angestellt sind, arbeiten sie unter anderem mit einer Gruppe am Stadtrand von Guadalajara. „Die Menschen kommen aus vielen verschiedenen Orten und fühlen sich nicht als Teil einer Gemeinschaft. Sie tauschen sich nicht aus oder helfen einander“, bedauert Sandrine Minier. Die Französin hat die Erdbauweise zum ersten Mal kennengelernt, als sie Austauschstudentin in Mexiko war. Dabei habe es sie überrascht, dass diese Bauart auch ein Teil ihrer französischen Kultur ist.

Die Dinge ein wenig besser machen

Damals in Mexiko hat Sandrine Minier auch ihren heutigen Mann kennengelernt. Gemeinsam absolvierten sie im Anschluss an ihr Architekturstudium ein Masterprogramm in Grenoble, Frankreich. Dabei spezialisierten sie sich auf die Erdbauweise. Inzwischen hat das Paar zwei Kinder: Lili (7) und Cloé (3) kamen in Frankreich zur Welt. „Lili war sieben Monate alt, als wir nach Honduras zogen“, so Minier. „Wir haben großes Glück, dass sich beide Kinder sehr schnell an neue Situationen anpassen. Veränderungen scheinen ihnen nicht viel auszumachen.“ Jetzt sei sie nicht mehr so viel unterwegs wie früher. Ihr Mann dagegen berate weiterhin auch Organisationen in El Salvador, Honduras, Guatemala und Haiti.

„Es macht mir manchmal schon zu schaffen, weg von meinen Töchtern zu sein“, sagt Javier Rodriguez. „Aber ich glaube, sie verstehen ein bisschen, was wir machen. Sie nehmen wahr, dass in Mexiko Gewalt und Unsicherheit herrschen. Sie hören aufmerksam zu und wissen, dass ihre Eltern daran arbeiten, die Dinge ein wenig besser zu machen.“ Es gebe derzeit mehr Angst vor der Polizei als früher, mehr soziale Spannungen und Aggressivität, erklärt Sandrine Minier. Auch in der Region Jalisco, in der sie wohnen, gebe es eine zunehmende Zahl von Entführungen und Ermordungen. „Bisher habe ich mich in Mexiko immer wohl gefühlt, aber seit der vergangenen Monate bin ich nicht mehr so entspannt. Wenn man Kinder hat, ändert das auch noch mal die Perspektive.“

Um die Rechte der mexikanischen Bevölkerung vor allem in Bezug auf das Wohnrecht zu verteidigen, wurde die Internet-Plattform „Mesoameri-Kaab“ ins Leben gerufen. Dort haben sich ähnlich gesinnte Organisationen zusammengeschlossen, um Informationen, Wissen und Strategien auszutauschen. „Den Menschen wird bewusst, dass sie mit ihren Problemen nicht mehr allein dastehen und dass sie sich gegenseitig helfen können“, sagt Javier Rodriguez optimistisch. Die zunehmende Zusammenarbeit und Solidarität gebe den Menschen Hoffnung in einer Zeit, in der die Unsicherheit in Mexiko immer größer wird.

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Gold zum Trinken

Vom Apfel zum Apfelwein – warum Hessen nicht nur landschaftlich reizt

1. November 2014

Es gibt ihn als klassischen Hausschoppen und als Secco, als Schaumwein, Sherry und Dessertwein: Der Apfelwein hat heute viele Facetten. Nischen-Winzer in Regionen wie Taunus, Rhön und Odenwald geben dem hessischen Nationalgetränk ein neues Gesicht, das zeigt: Der Apfel hat es in sich.

Nirgendwo in Deutschland wird so flächendeckend und in so großen Mengen Apfelwein gekeltert wie in Hessen. Und das, obwohl die Apfelanbaufläche dort vergleichsweise klein ist. „Dieses Kuriosum liegt vermutlich daran, dass in Hessen verstärkt auf den Streuobstanbau gesetzt wird, der nicht in der Statistik berücksichtigt wird“, sagt Michael Stöckl, Gastwirt im Taunus und Deutschlands erster Apfelwein-Sommelier. Streuobstwiesen würden zur Kulturlandschaft des Bundeslandes gehören wie keine andere landwirtschaftliche Nutzfläche. „Den alten Apfelsorten verdankt der hessische Apfelwein seinen typischen Charakter“, so Stöckl.

Der Streuobstbau ist eine traditionelle Landwirtschaftsform mit hochstämmigen Obstbäumen, die vor allem für zahlreiche Tierarten lebensnotwendig ist. Grundlage sind eine Vielfalt an Apfel- und Birnensorten, aber auch Kirschen, Walnüsse, Zwetschgen und Pflaumen. Viele dieser rund 3000 Sorten kommen dem Naturschutzbund (NABU) zufolge nur regional vor und sind ein Naturerbe von hohem Wert. Daher setzen sich Umweltverbände und lokale Initiativen deutschlandweit für den Erhalt dieser artenreichen Lebensräume ein. Die Produktion von Apfelsaft aus heimischen Streuobstwiesen sei Nachhaltigkeit par excellence, so der NABU.

Sherry aus der Rhön

Über 100 verschiedene Apfelsorten hängen an den Bäumen von Jürgen Krenzers Obstwiesen in der Rhön. Wie Michael Stöckl gehört er zu den „Hessischen Wirtshaus-Kelterern“, ein Zusammenschluss aus sieben Apfelwinzern. Jeder von ihnen hat eine eigene Nische auf dem Markt gefunden. Jürgen Krenzer ist vor allem bekannt für seinen Apfel-Sherry. „Hier in der Hochrhön sind die Äpfel besonders sauer und eignen sich gut für Dessertwein“, sagt Krenzer. Ob Wein, Apfelwein oder Sherry – es komme immer auf das Verhältnis von Säure und Zucker an.

Das Wissen um Streuobst und seiner Verarbeitung sei nicht mehr so da wie früher, bedauert Krenzer. „Heute werden oft an einem Stichtag alle Äpfel geerntet. Dabei sind die verschiedenen Sorten zu unterschiedlichen Zeiten reif – einige schon im August, andere hängen noch nach Weihnachten an den Bäumen.“ Der 49-Jährige besitzt nicht nur eine Gastwirtschaft und Obstwiesen, sondern auch eine Schau-Kelterei, in der Gäste den gesamten Ablauf der Saftproduktion miterleben können, sowie ein kleines Theater. Dort lässt er die Geschichte des Apfel-Sherry erzählen.

Regionale Vernetzung

Dass sich Streuobst nicht nur zum Pressen, sondern auch zum Kochen eignet, demonstriert der Apfelwinzer Armin Treusch. In seiner Kochschule im Odenwald lernen Interessierte, wie sie einen Kartoffel-Apfel-Salat, Lachsforelle auf Apfel-Lauch-Ragout oder Bratapfeleis zubereiten. Treusch legt dabei viel Wert auf regionale Zutaten – ein Merkmal, das die Hessischen Wirtshaus-Kelterer gemein haben. „Wir unterstützen uns gegenseitig und vernetzen uns in der Region mit anderen Betrieben wie etwa Schlachtern“, erklärt Treusch.

Wer nicht erst aufs Land fahren möchte, um den vielfältigen Geschmack des Apfels zu kosten, findet das „Gold zum Trinken“ auch in Hessens Metropole Frankfurt. Die internationale Messe „Apfelwein weltweit“ und das Apfelweinfestival sind gesetzte Größen im Frankfurter Veranstaltungskalender. Ein geführter Apfelwein-Rundgang, eine Stadtrundfahrt mit dem Ebbelwei-Express und das Ebbelwei-Wochenende lassen Apfelweinfreunde ganzjährig den goldenen Tropfen erleben.

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Bio + fair = mehr?

Bremen Global Championship: 300 Schüler nehmen an umweltpolitischem Turnier teil

2. Juni 2013

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BREMEN. Welchen Weg legt eine Jeanshose zurück und unter welchen Bedingungen wird eigentlich Coltan für unsere Handys abgebaut? Mit diesen Fragen beschäftigten sich elf Klassen aus Bremen beim Global Championship 2013. Das Motto in diesem Jahr: „Bio + fair = mehr?“ Ziel war es, dass sich Jugendliche eine eigene Meinung zu gerechten Produktionsbedingungen bilden konnten.

„Wir wollen nicht, dass die Mädchen und Jungen nachbeten, was wir sagen“, erklärt Christopher Duis vom Bremer entwicklungspolitischen Netzwerk. „Vielmehr sollen sie sich Gedanken darüber machen, was sie gut und was sie schlecht finden.“ Beim Projektauftakt im März wurde jeder Klasse ein Land zugelost, mit dem sich die Schüler in der Folge unter den Gesichtspunkten Bio und fairer Handel auseinandersetzten.

Die Veranstalter, unter anderen das entwicklungspolitische Netzwerk, Brot für die Welt, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sowie Unicef schickten Referenten in die Klassen, um den Teilnehmern thematische Anregungen zu geben. „Wir besuchten die Schüler zum Beispiel mit Experten aus Senegal, Kamerun und Brasilien“, so Duis.

Zudem arbeiteten die Jugendlichen in den vergangenen Wochen an einem eigenen Projekt. „Uns war es wichtig, dass die Idee eine Außenwirkung hat, dass sie unter dem Motto „Bio + fair = mehr?“ steht und mit dem jeweiligen Land zu tun hat“, erklärt Duis weiter. Herauskamen etwa eine Schülerzeitung sowie selbstgedrehte Videos.

In dieser Woche versammelten sich die rund 300 Teilnehmer zum abschließenden Fußballturnier im Stadtgarten. Den Wettbewerb trugen die Klassen aber auch an verschiedenen dort aufgebauten Stationen aus. Bewertet wurden dabei Teamgeist, Fairplay, Wissen, Cleverness und Engagement.

So gab es etwa eine Bananen-Station, an der die achten Jahrgänge den Unterschied zwischen einer herkömmlichen und einer Bio-Plantage kennenlernten. An einer Koch-Station halfen die Schüler dem Schulküchenverein, Bioessen für alle zuzubereiten. Außerdem erfuhren sie, wie es ist, nur bei Kerzenschein zu nähen.

„Am meisten hat mir das Fußballspiel gefallen“, erzählt Jannes Krogmann aus der achten Klasse des Gymnasiums Horn. Aber auch die inhaltlichen Aspekte schienen bei ihm und seinen Kameraden einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. „Es war interessant, die Bedingungen in einer Coltan-Mine kennenzulernen“, sagt Mats-Michel Evers. „Mit Hammer und Meißel in eine harte Wand zu schlagen und Säcke voll Steine zu schleppen, ist ganz schön anstrengend.“

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„Es entstand eine sortierte Stadt“

BREMER-ANZEIGER-Interview mit Wendelin Seebacher über das Schicksal Osterholz-Tenevers

3. März 2013

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OST. Schon während der Bauphase in den 70er Jahren wurde Osterholz-Tenever als „Klein-Manhatten“ bezeichnet. Riesige Betonberge entstanden damals auf Wiesen und Feldern. Wendelin Seebacher, seinerzeit als Stadtplaner dabei, spricht im Interview mit dem BREMER ANZEIGER über das Scheitern des großangelegten Projekts. Sein neues Buch zur Geschichte des Demonstrativ-Bauvorhabens präsentiert er am Dienstag.

BREMER ANZEIGER: Herr Seebacher, Sie arbeiteten von 1965 bis 1972 im Stadtplanungsamt. Hatten Sie Einfluss auf die Baupläne?
Wendelin Seebacher: Ach, als frisch diplomierter Städtebauer mit junger Familie … Ich hab schnell gesehen: Alle machten da mit: Senat, Beirat, Ortsamt, Politik, die Baugesellschaften. Da war ich ein Nichts. Ich hab mich fürchterlich geärgert über das, was da geschehen ist.

Wer hat am meisten von dem Vorhaben profitiert?
Die Grundstücksverkäufer, wie immer. Die Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft (NWDS) hatte von dem vielen Bauland der Nachkriegszeit in Bremen nichts abbekommen. Die hat sich dann überall Grundstücke zusammengekauft, unter anderem Osterholz-Tenever, für abartig viel Geld. Nun war das ja landwirtschaftliche Nutzfläche, die konnte man nicht einfach so bebauen. Da hat man dann ein Demonstrativ-Bauvorhaben erfunden.

Was genau bedeutet denn Demonstrativ-Bauvorhaben?
Wegweisend neue Wohnviertel gestalten. Richtlinien waren etwa: familienfreundlich, vernünftige Wohnlage, preisgünstig. In Tenever war es ein Vorhaben ausschließlich für Menschen innerhalb einer gewissen Einkommensgrenze.

Und wer hat entschieden, wer dort wohnen durfte?
Das war der öffentlich geförderte Wohnungsbau. Mit der Wohnungsnot nach dem Krieg war der Gedanke, viel geförderten Wohnraum anzubieten, an sich ganz richtig. Aber wenn man ein Viertel ohne jede Nachbarschaft baut, leben die Menschen dort isoliert. Und wer mehr verdiente, musste ausziehen. Also konnte sich Tenever sozial gar nicht durchmischen. Es entstand eine sortierte Stadt.

Woran ist das Projekt letztendlich gescheitert?
Zuerst waren 2500 Wohnungen vorgesehen. Ich hatte damals die Kosten für Schulen, Kitas und Erschließung berechnen müssen. Heraus kam, dass die Stadt 33 Millionen hätte zahlen müssen. Damit die Politik zustimmt, hat der Bausenator das auf 15 Millionen runterrechnen lassen. Es fehlten also schon 18 Millionen. Dann kam Professor Dietrich aus Nürnberg, von der NWDS geholt, und hat gesagt, das verdichten wir auf 4500 Wohnungen. Das heißt, man hatte dann für 4500 Wohnungen nur 15 Millionen öffentliche Mittel.

Welche Visionen verfolgten die Verantwortlichen?
Seufzt. Professor Dietrich hat den Leuten erzählt, was da für Wohltaten entstehen: Spielplätze, Servicehäuser, grüne Dachterrassen mit Liegestühlen und Duschen. Es wurde eine solch schöne Welt versprochen. Nur, kein Pfennig davon war finanziert, das waren richtig leere Versprechungen.

Konnte das Projekt zu Ende gebaut werden?
Nein. Als die ersten Häuser 1973 bezogen wurden, hat man festgestellt, dass alles zu dicht, zu hoch und zu weit ab von der Stadt war. Und das Geld war einfach nicht da. Nur die Hälfte konnte gebaut werden. Und dann war es über Jahrzehnte ein gemiedenes Viertel. Am Schluss standen 1000 Wohnungen leer, es war verwahrlost, es war nicht mehr beherrschbar.

Bis zum Rückbau …
Ja, das hat der Senat 2000 zusammen mit der Gewoba, die Teileigentümerin war, beschlossen. 900 Wohnungen wurden abgerissen und die Dichte aufgelockert. Da haben sich Leute ganz viel Mühe gegeben. Ich war sehr überrascht, dass das gelungen ist und da hab ich gedacht, jetzt schreibst du das endlich mal zusammen. Die Geschichte ist Krimi und Tragikomödie in einem, mit einem mehr oder weniger glücklichen Ende.

Wendelin Seebacher stellt sein Buch „… das machen wir nicht wieder“ am Dienstag, 5. März, ab 19.30 Uhr in der Buchhandlung Leuwer, Am Wall 171, vor.

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Marathon gegen die Abhängigkeit

Andreas Böll findet bei der Drogenhilfe Neues Land zum Glauben und läuft der Sucht davon

28. Oktober 2012

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BREMEN. In der christlichen Drogenhilfe Neues Land können ausstiegsorientierte Suchtkranke vorübergehend wohnen. Zum Beispiel nach einer Therapie und bevor sie eine eigene Wohnung gefunden haben – wie im Fall von Andreas Böll. Die Einrichtung, sein Glaube an Gott und der Sport haben ihm geholfen, die Drogen aufzugeben.

„Ich wollte noch mal ganz von vorne anfangen“, sagt Andreas Böll und bezieht sich auf die Zeit, als er in die Übergangseinrichtung des Vereins Neues Land, das Haus „Beth Manos“ am Dobben, kam. Das war im Juni 2010 als er gerade eine weitere Entzugskur in einer Klinik hinter sich hatte. Dort lernte er Marianne Richter kennen, die Leiterin des Hauses. „Sie hat mir sehr geholfen. Ich war damals dreiviertel tot.“

Böll wuchs in Kinderheimen auf, hat zwölf Jahre wegen Raub- und Gewaltdelikten im Gefängnis gesessen und eine Drogenkarriere hinter sich, die wenig ausgelassen hat. Heroin, Kokain, Schlaftabletten, Alkohol – an seiner starken Abhängigkeit konnten auch unzählige Drogenentgiftungen nichts ändern. Bis der gebürtige Westfale eine Art Zuhause in der Hilfseinrichtung Neues Land fand. Er entschied sich, eine weitere, letzte Therapie zu machen.

„Ich habe mich zum ersten Mal nicht fremdmotiviert gefühlt, ich wollte es aus eigenem Willen schaffen.“ Er sei damals psychisch und physisch so am Boden gewesen, dass er es als „Bewahrung“ empfindet, noch am Leben zu sein.

Seit zwei Jahren clean
Nicht nur die Drogen haben dem 45-Jährigen beinahe das Leben gekostet. 1988 steckte er sich mit Hepatitis C an. 2004 kam die Diagnose HIV-positiv. Vier Jahre später erkrankte er an Lymphknotenkrebs. Aber er erholte sich, immer wieder gewann er den Kampf. Seit zwei Jahren ist Böll clean. Nach der letzten einjährigen Therapie kam er noch einmal in die Übergangseinrichtung am Dobben zurück. Nun hat er eine eigene Wohnung gefunden und wird demnächst ausziehen.

„Während der Entzugszeit ging es mir sehr schlecht, ich war traurig, einsam und depressiv“, erzählt Böll. Er fing an, sich Herausforderungen zu suchen und Ziele zu setzen. „Sport war für mich das beste Antidepressiva.“ Irgendwann ging er täglich joggen, mit dem Ziel, beim Bremen-Marathon 2011 mitzulaufen. Anfangs schaffte sein Körper nur zwei Kilometer am Stück. „Vor der Therapie hatte ich ja auch 50 Zigaretten am Tag geraucht.“

Aber nach sieben Monaten harter Arbeit lief Andreas Böll die 42 Kilometer – für das Haus „Beth Manos“. „Als ich das erste Mal in die Einrichtung kam, hatte ich mir den Marathonlauf fest vorgenommen. Ich wollte etwas zurückgeben.“ Auch in diesem Jahr setzte Böll sich wieder Ziele: Am 15. September lief er beim Spendenlauf für die Drogenhilfe Neues Land mit – ganze 48 Kilometer. Damit brachte er dem Verein rund 1000 Euro ein. Nur drei Wochen später lief er erneut beim Bremen-Marathon mit.

Auf viel Unterstützung angewiesen
Ob sein stabiler Zustand so bleibt, sei immer ohne Gewähr. „Ich werde aber dranbleiben“, sagt Böll. Nach einem Entzug sei es für Drogenabhängige wichtig, den Alltag zu meistern. Dabei würde in seinen Augen ein Nachsorgehaus Sinn ergeben. Diese Meinung teilt auch „Beth Manos“-Leiterin Marianne Richter. „In unserer Übergangseinrichtung bleiben die Bewohner bis zu zwölf Wochen“, so Richter. Aber gerade nach einer Therapie würden sich neue Herausforderungen stellen und die Betroffenen wären weiterhin auf viel Unterstützung angewiesen.

„Ich würde mir eine Wohngemeinschaft zusammen mit Betreuern wünschen“, führt Richter weiter aus. Der familiäre Charakter habe eine therapeutische Wirkung. Das zeige ihre Erfahrung im Haus, in dem die Mitarbeiter zum Teil auch wohnten. Böll ergänzt: „Wer eine Lebensgeschichte wie ich hat, der fühlt sich wie ein verlorener Sohn und möchte einfach mal ankommen.“ In einer solchen WG könne man sich gut aufgehoben fühlen.

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„Tempo aus dem Alltag nehmen“

In der Stadt vermehrt sich der gemeine grüne Daumen – immer mehr Urban-Gardening-Projekte

24. Juni 2012

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BREMEN. Urban Gardening – was ist das eigentlich? Projekte zum städtischen Gärtnern, wie es zu Deutsch heißt, finden sich in der ganzen Stadt. Die Ideen und Initiativen könnten unterschiedlicher kaum sein. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: die Nähe zur Natur.

Ob Verkehrsinseln, Brachflächen, Gartengemeinschaften oder Familiengärten – das städtische Gärtnern kennt keine Grenzen. Abzuheben ist es vom sogenannten Guerilla Gardening. Diese Form der Bepflanzung des öffentlichen und privaten Raums geschieht nämlich in der Regel unerlaubt und unorganisiert. Urban-Gardening-Projekte hingehen sind legale Aktionen, die meist von gemeinnützigen Vereinen getragen werden. Viele von ihnen verfolgen neben dem bloßen Ziel, zu Gärtnern und mit der Natur in Kontakt zu kommen, auch eine soziale Komponente.

Kommunikation anregen
So bepflanzt der Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (Vaja) mit Kindern und Jugendlichen öffentliche Plätze wie etwa verwahrloste Verkehrsinseln. Die Aktionen in der Vahr dienen nur zum Teil der Stadtverschönerung. Wiebke Jopp erklärt, worum es noch geht: „Wir wollen die Schüler anregen, sich mit ihrem Quartier zu identifizieren und bei seiner Gestaltung mitzuwirken.“ Das gemeinsame Gärtnern rege die Kommunikation untereinander, aber auch mit anderen Bewohnern des Stadtteils an.

Schnupper-Gärten
Wer einen Blick vom Osten in den Westen wirft, wird feststellen: Auch dort wird urban gegärtnert. Der Verein der Gartenfreunde „Am Mittelwischweg“ etwa startete in diesem Jahr ein neues Projekt im Kleingartengebiet In den Wischen. Es werden verschiedene Gartenformen und offene Treffs auf leer stehenden Parzellen angeboten. Dabei besteht die Möglichkeit, an einem Wochenende Kurzzeitferien im Kleingarten zu machen und so einmal ins Gärtnern hineinzuschnuppern.

Ein weiteres junges Projekt richtet sich speziell an Kinder, die in der Umgebung der Überseestadt zur Schule gehen. Der Verein Hafenschulgarten möchte Heranwachsenden den biologischen Anbau von Nutzpflanzen näherbringen: „Wir bewirtschaften eine städtische Brachfläche, legen gemeinsam Beete an und informieren über die einzelnen Pflanzen“, erklärt Sebastian Tischendorf. Aktuell werde eine Garten-AG mit einer zweiten Klasse der Grundschule Nordstraße durchgeführt.

Auf der anderen Weserseite, in Woltmershausen, konzentriert sich der Verein Effektive Mikroorganismen (EM) darauf, chemiefrei zu gärtnern und einen guten Nährboden für Pflanzen zu entwickeln. Aktiv tut er dies auf einer Brachfläche vom Umweltbetrieb Bremen, die zusammen mit dem Kleingärtnerverein „Fortschritt“ bepflanzt wird. EM informiert über die Wirkungsweise und Anwendungsmöglichkeiten regenerativer Mikroorganismen und will dazu in Zukunft auch Praxis-Seminare anbieten. „Derzeit suchen wir noch Menschen, die Lust haben, beim Verschönern der Fläche mitzuwirken“, so Danja Blümel von EM.

Entschleunigung
„Die Gründe für städtisches Gärtnern sind vielfältig“, sagt die Historikerin Kirsten Tiedemann. Manche protestieren gegen die Skandale in der Nahrungsmittelproduktion, andere haben die Stadtentwicklung im Fokus. Ob Globalisierungskritiker, Anarchisten oder Umweltaktivisten: Letztendlich gehe es auch darum, Tempo aus dem Alltag zu nehmen, einen Ausgleich zu finden und gemeinsam kreativ zu sein.

Wer Lust bekommen hat, seinen grünen Daumen zu erforschen, kann sich an den Verein Ökostadt Bremen wenden. Im Kulturzentrum Lagerhaus haben Mitglieder verschiedener Vereine eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema Urban Gardening gegründet. Der Zusammenschluss verfolgt das Ziel, eine Plattform zur Bündelung von Ideen zu schaffen.

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Boris Becker besucht die „Kicking Girls“

Grundschule am Pastorenweg gewinnt Integrationspreis / Fußball-AGs für Mädchen mit Migrationshintergrund

4. März 2012

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GRÖPELINGEN. Integration durch Fußball – das hat sich die Grundschule am Pastorenweg zum Ziel gesetzt. Sie führt Mädchen mit Migrationshintergrund an den Sport heran und gewann dafür kürzlich den Integrationspreis des Deutschen Fußballbundes. Am Mittwoch besuchte Tennislegende Boris Becker das soziale Projekt.

„Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern“, sagte Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela im Jahr 2000. Diesen Gedanken verfolgt auch die Laureus-Stiftung „Sport for Good“. Sie setzt sich seit über zehn Jahren für sozialen Wandel ein. In Bremen unterstützt sie das Projekt „Kicking Girls“ der Grundschule am Pastorenweg, bei dem es darum geht, Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund für den Teamsport Fußball zu begeistern. Dafür gewann die Schule Anfang Februar den Integrationspreis und erhielt einen Mannschaftsbus im Wert von 45.000 Euro.

Um der Idee noch mehr Aufmerksamkeit zu verleihen, besuchte am Mittwoch Tennislegende Boris Becker die Gröpelinger Schule. Er ist selbst Vorstandsmitglied und Botschafter der Stiftung. „Es ist wichtig, dass Kinder auf verschiedenen Ebenen lernen miteinander umzugehen und auch außerschulische Erfolgserlebnisse haben“, so Becker.

Die siebenjährige Sydney Zoey Bittner, deren Eltern aus Polen stammen, erzählt, dass sie schon viele Freunde über das Fußballspielen kennengelernt habe. „Meine kleine Schwester beschäftigt sich lieber mit ihren Barbies, aber Sport finde ich besser.“

14 unterschiedliche Nationen seien an der Schule vertreten, so Rektorin Birgit Busch. „Aber der Sport verbindet die Kulturen. Auch die Lernmotivation wird durch den Mannschaftssport gestärkt.“ Zudem gehe es laut Stefanie Möllenkamp, Geschäftsführerin der Laureus-Stiftung in Deutschland, darum, „Mädchen die Möglichkeit zu geben, aus ihren traditionellen Rollen herauszukommen und Emanzipation durch Sport zu erreichen“.

Projektleiter Ulf Gebken vom Institut „Integration durch Sport und Bildung“ an der Carlvon-Ossietzky Universität Oldenburg freute sich über die Entwicklung der Initiative am Pastorenweg. „Derzeit bieten wir drei Mädchen-AGs an. Es gibt aber eine so große Nachfrage, dass wir sechs eröffnen könnten.“ Neben dem Kicken in der Schule sei aber auch die Teilnahme an Turnieren eine wichtige Erfahrung für die Kids: Im Wettkampf komme es auf viel Willenskraft und Teamgeist an.

Incinur Ekinci nimmt gern an Turnieren teil, auch weil ihre Eltern dann zum Zugucken kämen und sie anfeuerten. „Ich habe Fußball erst in der Schule kennengelernt. Der Sport macht mir total viel Spaß, ich trainiere jede Woche einmal“, berichtet die Siebenjährige mit türkischem Migrationshintergrund.

Ziel des Projekts, das in den kommenden drei Jahren auf 30 Schulen in ganz Deutschland ausgeweitet wird, ist es, die Mädchen langfristig für den Sport zu begeistern.

Zum Schluss seines Besuchs kickte Boris Becker noch ein wenig mit den Kindern in der Turnhalle. Dass die Kleinen es mit einem ehemaligen Tennisstar zu tun hatten, war den meisten wohl kaum bewusst. Ihre Aufmerksamkeit lag ganz auf dem rollenden Lederball.

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Eine erfolgreiche Schnapsidee

Hingucker in der kalten Jahreszeit: Selbstgestaltete Bollerwagen bieten alles, was das Kohlkönigherz begehrt

28. Dezember 2011

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BREMEN. Es gibt sie noch: mutige und kreative Geschäftsleute, die dem Alltäglichen ein Sahne-häubchen aufsetzen. In unserer Serie „Händler mit Idee“ stellen wir originelle Angebote und Unternehmen aus den Bremer Stadtteilen vor. Heute: „Pinkelkönig“.

Kaum bricht die kalte Jahreszeit an, sind viele Kohlkönige auch schon im Planungsstress. Die nächste Kohlfahrt liegt in ihren Händen: Trink-Routen müssen festgelegt, Spiele überlegt und Tische reserviert werden. Bald sieht man dann wieder scharenweise Gruppen durch Bremen pilgern. Ihr Ziel: Grünkohl und Pinkel essen.

Eine Herausforderung für die Organisatoren stellt auch der Transport der Spirituosen dar. Robuste Bollerwagen erfreuen sich oft großer Beliebtheit. Nils Othersen war 2010 Kohlkönig und im Zuge der Vorbereitungen für die nächste Kohltour auf der Suche nach einem passenden Holzgefährt. „Im Internet wurden zwar alle möglichen Bollerwagen zur Schau gestellt, mieten konnte man diese aber nicht“, erklärt der Jungunternehmer die Entstehung seiner Geschäftsidee.

Zusammen mit drei Freunden – allesamt begeisterte Kohlfahrer – baute er kurzerhand selbst einen Wagen. Diesen stattete er mit Musikanlage, Blaulicht, Sirene sowie Getränkespendern aus und bot ihn Anfang dieses Jahres erstmalig zum Verleih an. Othersen: „Eigentlich war es eher eine Schnapsidee, aber die Reaktionen zeigen, dass sie ankommt.“

Was vor Jahren noch ein Ritual der älteren Generationen war, ist heute auch unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Bollerwagen vom „Pinkelkönig“, wie die Erfinder ihr Projekt nennen, war in der ersten Saison nahezu ausverkauft. Dazu trägt auch der umfangreiche Service bei: Die Lieferung zum Startpunkt und die Abholung am Restaurant sind inklusive. Ebenso kann man die „Pinkelkönige“ mit dem Einkauf des Pilgerproviants beauftragen. „Damit bieten wir dem Kunden einen echten Mehrwert, denn er kann sich voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren: die Kohlfahrt“, erläutert Gründungsmitglied Timur Schubart. Um für die kommende Saison gewappnet zu sein, haben die vier Bremer nun noch eine Schippe drauf gelegt – und gehen mit zwei neuen Bollerwagen an den Start. Beim Modell „Fass“ handelt es sich um ein aufklappbares Rotweinfass auf Rädern. Es bietet Platz für zwei Bierkisten und ist mit einer Musikanlage ausgestattet.

Außerdem hat das Team ab sofort den „Boll-Rod“ im Sortiment. Der Name entstand in Anlehnung an die sogenannten Hot-Rod-Autos, die in den 30er und 40er Jahren in den USA verbreitet waren. Optisch ähnelt das Trinkmobil nämlich diesen Modellen, die vorn niedriger gebaut sind als hinten. Der Hingucker bietet zudem eine Musikanlage, Stauraum für eine Kiste Bier sowie einen Getränkeständer.
Weitere Wagen sind bereits in Planung, denn auch im nächsten Jahr wollen die „Pinkelkönige“ mit innovativen Bollerwagen für Furore sorgen. Man darf also gespannt sein.

Weitere Informationen zu den Bollerwagen gibt es auf der Internetseite www.pinkelkoenig.de sowie per E-Mail an info@pinkelkoenig.de.

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Referenzen

  • Leseproben