Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

Hoffnung in unsicheren Zeiten

30. April 2015

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Javier Rodriguez demonstriert den Teilnehmern eines Workshops, warum sie ihre heimischen Böden wertschätzen sollten.
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Sandrine Minier gibt einen Modellierungsworkshop.
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Tochter Cloé wertschätzt den Erdboden auf ihre eigene Weise.
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Javier Rodriguez bringt Dorfbewohnern die erdbebensichere Bauweise mit Lehmziegeln bei.
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Frauen und Männer aus ganz Mexiko nehmen an den Workshop-Modulen der Fachkräfte teil.
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Workshop zum Thema Verputzen und Anstrich mit Erde.
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Konstruktion einer Kompostlatrine im Dorf Tzntzun Michoacán.
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Tochter Lili setzt in die Tat um, was sie in den Workshops ihrer Eltern lernt.
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Die Familie auf einem Spaziergang in der Sierra de Tapalpa (Jalisco).
Mexiko leidet stark unter der organisierten Kriminalität: Tödliche Schlachten um Kokain, Marihuana und Amphetamine, um Waffen, Menschen und Geld machen immer wieder Schlagzeilen. Aber neben den tagtäglichen Ermordungen und Entführungen gibt es auch Geschichten, die Hoffnung schenken. Sie erzählen von Solidarität und von Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Ärmsten im Land ein sicheres Dach über dem Kopf haben. Zwei Architekten, die genau das tun, habe ich für die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe interviewt.

2012 wurde Javier Rodriguez am Flughafen in Honduras festgenommen. Der Architekt kam gerade aus Ecuador von einem AGEH-Seminar zum Thema Sicherheit. Das Wissen darüber, wie man sich in einer solchen Situation am besten verhält, war also noch ganz frisch. „Der Strafvorwurf war natürlich ausgedacht“, so Rodriguez. In korrupten Systemen komme das immer wieder vor, die Polizisten würden sich dadurch einen Vorteil erhoffen. Nach 24 Stunden war der Mexikaner mit französischem Pass wieder auf freiem Fuß. Seine Verhaftung gab jedoch den Ausschlag, innerhalb des Instituts IMDEC, für das Rodriguez in Mexiko arbeitet, eine Sicherheitskommission einzurichten.

Das Instituto Mexicano para el Desarollo Comunitario (IMDEC) setzt sich für ländliche Entwicklung und Menschenrechte ein. Javier Rodriguez und seine französische Frau Sandrine Minier – ebenfalls Architektin – beraten die Gruppen, mit denen das Institut zusammenarbeitet. Ihr Schwerpunkt: das Recht auf Wohnraum. Sie unterstützen Dorfbewohner dabei, Häuser mit lokalen und natürlichen Materialen wie Erde, Lehm, Stein und Bambus zu bauen, und zeigen ihnen, wie sie Regenwasser speichern, Abwasser nutzen und Kompostlatrinen fertigen können.

Kulturelle Identität erhalten
„Unsere Arbeit besteht darin, die kulturelle Identität von Dörfern und Kommunen zu erhalten“, erklärt Sandrine Minier. „In Mexiko wird seit Jahrhunderten die Erdbauweise praktiziert. Wir verteidigen das Wohnrecht der Menschen, indem wir zeigen, dass sich auch diejenigen, die weniger Ressourcen und Geld zur Verfügung haben, ein Haus bauen können – nämlich mit dem, was sie vor Ort zur Hand haben.“

Seit 2002 sind die beiden AGEH-Fachkräfte. Ihre Mitarbeit wird vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor finanziert. In Honduras unterstützten sie zunächst Kommunen und Familien, die ihre Wohnungen nach dem Hurrikan Mitch verloren hatten. „Die eingestürzten Häuser waren mit Industrie-Materialien wie Zement errichtet worden – ein Baustoff, der nicht nur teuer, sondern auch schwer in entlegene Gebiete zu transportieren ist“, sagt Javier Rodriguez. Die beiden Architekten kannten sich mit alternativen Bauweisen aus und arbeiteten vor Ort mit einer lokalen Organisation zusammen. „Wir blieben vier Jahre dort. Danach waren wir auch in anderen zentralamerikanischen Ländern im Einsatz.“ In einigen Regionen wie El Salvador kam ein zusätzlicher Aspekt ihrer Arbeit hinzu: Die Häuser müssen hier auch erdbebensicher konstruiert werden.

„Wir stellten fest, dass viele Menschen kein Vertrauen mehr in die Erdbauweise haben“, sagt Sandrine Minier. Das sei die Konsequenz der Industrie-Propaganda, die den Zement bewirbt. „Eine eiskalte Strategie, denn zu Beginn haben sie Zement nicht zum regulären Preis, sondern günstiger verkauft“, meint Minier. „So wollten immer mehr Menschen mit dem modernen industriellen Stoff bauen, und sie vergaßen das alte Wissen um traditionelle Bauweisen. Irgendwann kam der Moment, in dem die Bevölkerung abhängig von den neuen Materialien war.“

Häuser eigenständig errichten
An Orten mit großer Erdbebengefahr hört das Paar oft, dass die Konstruktion mit Erde oder Lehm nicht sicher sei. „Und wir antworten: Doch, das ist sie. Man muss Lehmhäuser nur richtig stabilisieren, genau wie man es mit einem Haus aus Zement machen muss“, sagt Javier Rodriguez. Der Vorteil bei der Verwendung von natürlichen Materialen sei, dass sie auch in armen Kommunen vorkämen und wiederverwertbar seien, sollten die Häuser einstürzen. „In Haiti haben wir 2010 gesehen, was mit Port-au-Prince passiert ist. Die Betonhäuser waren nicht erdbebensicher gebaut worden und als sie einstürzten, lagen die Zementbrocken auf dem Boden, ohne dass die Bevölkerung das Material aufsammeln und erneut benutzen konnte.“ Lehm brauche dagegen nur Wasser, um sich erneut formen zu lassen. So könnten die Menschen ihre Häuser eigenständig wiedererrichten.

Rodriguez und Minier sehen es als ihre Aufgabe an, das Wissen um traditionelle Bauweisen gemeinsam mit den Kommunen zu recherchieren und zu erhalten. „Die Menschen, die diese Kenntnisse noch haben, teilen sie oft nicht, weil sie sie nicht wertschätzen“, stellt Rodriguez fest. „Wir zeigen ihnen, dass das Wissen sehr nützlich für die Gemeinschaft ist.“

Schwieriger wird es, wenn es keine etablierte Kommune gibt. Seit die Architekten in Mexiko leben und beim IMDEC angestellt sind, arbeiten sie unter anderem mit einer Gruppe am Stadtrand von Guadalajara. „Die Menschen kommen aus vielen verschiedenen Orten und fühlen sich nicht als Teil einer Gemeinschaft. Sie tauschen sich nicht aus oder helfen einander“, bedauert Sandrine Minier. Die Französin hat die Erdbauweise zum ersten Mal kennengelernt, als sie Austauschstudentin in Mexiko war. Dabei habe es sie überrascht, dass diese Bauart auch ein Teil ihrer französischen Kultur ist.

Die Dinge ein wenig besser machen
Damals in Mexiko hat Sandrine Minier auch ihren heutigen Mann kennengelernt. Gemeinsam absolvierten sie im Anschluss an ihr Architekturstudium ein Masterprogramm in Grenoble, Frankreich. Dabei spezialisierten sie sich auf die Erdbauweise. Inzwischen hat das Paar zwei Kinder: Lili (7) und Cloé (3) kamen in Frankreich zur Welt. „Lili war sieben Monate alt, als wir nach Honduras zogen“, so Minier. „Wir haben großes Glück, dass sich beide Kinder sehr schnell an neue Situationen anpassen. Veränderungen scheinen ihnen nicht viel auszumachen.“ Jetzt sei sie nicht mehr so viel unterwegs wie früher. Ihr Mann dagegen berate weiterhin auch Organisationen in El Salvador, Honduras, Guatemala und Haiti.

„Es macht mir manchmal schon zu schaffen, weg von meinen Töchtern zu sein“, sagt Javier Rodriguez. „Aber ich glaube, sie verstehen ein bisschen, was wir machen. Sie nehmen wahr, dass in Mexiko Gewalt und Unsicherheit herrschen. Sie hören aufmerksam zu und wissen, dass ihre Eltern daran arbeiten, die Dinge ein wenig besser zu machen.“ Es gebe derzeit mehr Angst vor der Polizei als früher, mehr soziale Spannungen und Aggressivität, erklärt Sandrine Minier. Auch in der Region Jalisco, in der sie wohnen, gebe es eine zunehmende Zahl von Entführungen und Ermordungen. „Bisher habe ich mich in Mexiko immer wohl gefühlt, aber seit der vergangenen Monate bin ich nicht mehr so entspannt. Wenn man Kinder hat, ändert das auch noch mal die Perspektive.“

Um die Rechte der mexikanischen Bevölkerung vor allem in Bezug auf das Wohnrecht zu verteidigen, wurde die Internet-Plattform „Mesoameri-Kaab“ ins Leben gerufen. Dort haben sich ähnlich gesinnte Organisationen zusammengeschlossen, um Informationen, Wissen und Strategien auszutauschen. „Den Menschen wird bewusst, dass sie mit ihren Problemen nicht mehr allein dastehen und dass sie sich gegenseitig helfen können“, sagt Javier Rodriguez optimistisch. Die zunehmende Zusammenarbeit und Solidarität gebe den Menschen Hoffnung in einer Zeit, in der die Unsicherheit in Mexiko immer größer wird.

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Zugang zu Therapie und Bildung schaffen

AGEH-Fachkraft in Kenia

1. September 2014

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Einen typischen Alltag hat Jutta Wermelt in Kenia nicht. Die Ergotherapeutin arbeitet in dem ostafrikanischen Land als integrierte Fachkraft für die Organisation Special Education Professionals (SEP). Mit einem multi-disziplinären Team setzt sich die NGO für Bildung, Rehabilitation und Gesundheitsfürsorge in Kenia ein.

„Jeder Tag sieht anders aus“, sagt die Entwicklungshelferin. Im Rahmen ihrer Teilzeitstelle beschäftige sie sich hauptsächlich mit der Organisationsentwicklung: Policy-Entwicklungen, strategische Planung und Planung von Workshops für Eltern mit behinderten Kindern. Finanziert wird Jutta Wermelts Mitarbeit von der Bethlehem Mission Immensee, für die sie ebenfalls tätig ist: Mit einer weiteren Teilzeitstelle ist sie die Landeskoordinatorin in Kenia und derzeit für sieben Fachkräfte verantwortlich.

Die Entwicklungszusammenarbeit interessiert Wermelt schon seit Jahren. „Ein Einsatz im Ausland ermöglicht das Kennenlernen und Verstehen von anderen Wertvorstellungen, fremden Lebensumständen und Kulturen“, so die 42-Jährige. „Das Leben und Arbeiten in einem globalen Kontext bietet Herausforderungen, aber auch immer lohnende und befriedigende Erfahrungen im Rahmen einer sinnvollen Tätigkeit.“ Die kenianische Organisation SEP arbeitet überwiegend mit Freiwilligen zusammen. Derzeit gibt es drei Vollzeitkräfte, Jutta Wermelt als Teilzeitkraft, sowie über 45 Freiwillige, zu denen auch die Leitung und stellvertretende Leitung gehören.

Jutta Wermelt engagiert sich auch in den Partnerprojekten von SEP, begleitet und evaluiert laufende Projekte und bildet SEP-Mitarbeiter weiter. Außerdem kommen Konsultationen von Eltern mit behinderten Kindern hinzu. In der Republik am Indischen Ozean werden Fachkräfte wie Wermelt dringend gebraucht: „Das Gesundheitswesen in Kenia hat zwar in den letzten Jahren Fortschritte gemacht, ist allerdings von nachhaltiger Versorgung noch weit entfernt“, erklärt die Ergotherapeutin. Dies liege an zu wenig ausgebildetem Personal und schwachen Gesundheitssystemen. „80 Prozent der Menschen mit Behinderungen lebt in Entwicklungsländern“, führt Wermelt fort. „Jeder Fünfte der weltweit ärmsten Menschen ist behindert.“

Die Organisation SEP versucht daher, die Situation in Kenia zu verbessern, indem sie den Zugang zu Therapie und Bildung vor allem für benachteiligte Familien ermöglicht. Der Hauptfokus liegt auf Schulungen von Therapeuten und Lehrern sowie Community-Mitgliedern. „Durch meinen beruflichen Hintergrund kann ich SEP bei einem Wissenstransfer systematisch unterstützen – von einfachen Prozessen bis hin zu Projekten mit internationalen Organisationen“, so Jutta Wermelt.

In Zusammenarbeit mit ihren Kollegen konnte Wermelt in den vergangenen Jahren Netzwerke mit anderen NGOs aufbauen, die ebenfalls im Behindertenbereich tätig sind. „Wir konnten gemeinsam mehrere Awareness-Tage in einkommensschwachen Gebieten durchführen. Daraus resultierte eine therapeutische sowie schulische Beratung für Familien mit behinderten Kindern“, berichtet die Entwicklungshelferin. Außerdem habe sich die Anzahl an Workshops mit unterschiedlichen Themenbereichen erhöht. Dies ermögliche einkommensschwachen Familien einen verbesserten Zugang zu therapeutischen Interventionen. Workshops und Trainings würden nun systematischer durchgeführt.

So ist Jutta Wermelts Arbeit vor Ort immer wieder von vielen positiven Gegebenheiten geprägt. „Mich persönlich freut die Entwicklung meiner jungen kenianischen Kollegen sehr, die offen ihre Fortschritte und Herausforderungen teilen. Die direkten Auswirkungen von Schulungen zu sehen, ist sehr befriedigend.“ Ein Beispiel ist eine junge kenianische Ergotherapeutin: Sie habe sich über Schulungen und „Training of Trainers“ beruflich und persönlich so erfolgreich weiterentwickelt, dass sie nun selbst Schulungen und Fortbildungen durchführt und eine wichtige Position in der Organisation innehat. Ein weiteres positives Erlebnis: Durch die Netzwerkarbeit wurden Fördergelder genehmigt, mit denen SEP nun in fünf Community-Projekten über zwei Jahre lang Workshops und Schulungen für Mütter und Betreuer von Kindern mit Behinderung durchführen kann.

Neben den erfreulichen Erfahrungen bei einem Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit gibt es aber auch immer Herausforderungen. „Es ist sehr wichtig, sich abzugrenzen von der manchmal überwältigen Not und Armut, die in Kenia herrschen“, sagt Jutta Wermelt. „Ohne gute Abgrenzung entwickelt man Zynismus oder verfällt in eine Hilflosigkeit, die einem die Sicht auf jene Dinge verschränkt, die gut laufen.“ Ebenso entscheidend sei es, täglich eine gewisse Portion Gelassenheit und Ausgeglichenheit mitzubringen, um den teils schwierigen Arbeitsbedingungen zu begegnen. „Ich empfinde es als sehr interessant, mein fachliches und praktisches Wissen mit den interkulturellen Herausforderungen zu vereinen“, verrät Wermelt. „Es ist ein Balance-Akt, sich kulturell anzupassen, aber auch Anstöße zu Veränderungen zu geben.“ Die Zusammenarbeit mit ihren einheimischen Kollegen mache ihr viel Freude. Der interkulturelle Austausch sei hierbei äußerst wichtig: „Nur so habe ich die Möglichkeit, den lokalen Kontext immer besser zu verstehen und einen Beitrag zum wirkungsorientierten Arbeiten zu leisten.“

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The Mother of Punk

Mode gegen das Establishment: Vivienne Westwood

16. April 2014

Vivienne Westwood gehört zu England wie rote Telefonzellen und Fish 'n' Chips. Sie ist ein Superstar der Modewelt und hat London zu einem Zentrum der Haute Couture gemacht. In ihren Anfangsjahren sorgte die heute 73-Jährige aber nicht unbedingt mit ihrem Talent für edle Fummel für Aufsehen, sondern mit ihrem Feldzug gegen das Establishment.

Während der Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen Mitte der 60er Jahre protestierten Menschen weltweit gegen die herrschenden Eliten. Sie warfen ihnen vor, weniger privilegierte Schichten zu unterdrücken. „Vivienne Westwood hatte ein gutes Gespür für das, was auf der Straße passierte. Sie griff es auf und setzte es in Mode um“, sagt Dorothee Warning, Leiterin der Nähwerkstatt an der Berliner Hochschule der Künste. Sie lernte die Westwood kennen, als diese zwölf Jahre lang als Gastdozentin in Berlin unterrichtete.

Westwoods Mode sei zudem eine Rebellion gegen Gehorsam und Respekt vor Gesetz und Obrigkeit gewesen. „Erziehung hieß damals: Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, machst du, was ich dir sage“, erklärt Warning. Aber nicht bei Vivienne Westwood!

Mit Lack und Leder gegen den Strom

Mit Lack und Leder, Sadomaso und Sicherheitsnadeln lehnte sich Westwood, die in einer Arbeiterfamilie im Norden Englands aufwuchs, gegen das System auf. Konformität und der Geschmack der Massen waren und sind ihr zuwider. „Ich sah mich damals noch nicht als Modemacherin“, sagte sie 1997 dem Zeit-Magazin. „Wir suchten nach Motiven der Rebellion, um es dem Establishment zu zeigen.“ Das Ergebnis war Punk. Unterstützt und inspiriert wurde sie dabei von ihrem damaligen Mann Malcolm McLaren, der die Sexpistols managte. Zusammen eröffneten sie 1971 ihre erste Boutique an der King’s Road 430.

Heute gilt Westwood als Erfinderin der Punkmode: „Diese Art von Kleidung, zerfetzt und mit provokativen Aufdrucken, mit Bildern von nackten Menschen – das war zu der Zeit noch sehr revolutionär“, weiß Dorothee Warning. „Das hat sich einfach nicht gehört. Heute hat man sich an so was ja gewöhnt.“

Hauptsache unpopulär

Wer Westwoods Kreationen trug, wurde zum Mitglied der Gegenkultur. Das Mädchen aus einfachem Hause strebte danach, Werte und Geschmack auf den Kopf zu stellen, alles anders zu machen als die anderen. „Nur durch unpopuläre Ideen kann man die Welt verändern, sie sind die einzige Möglichkeit der Subversion“, sagt die Designerin selbst.

1981 brachte Westwood ihre erste professionelle Mode-Kollektion heraus, die berühmte Piraten-Kollektion – ein Abschied von der Punkszene, die drohte zum Mainstream zu werden. 1983 trennte sie sich auch von McLaren. Es dauerte lange, bis die Medien ihre Verwandlung registrierten. Ständig auf ihre Vergangenheit angesprochen sagte sie einst im Stern-Interview: „Ich habe Besseres zu tun, als alten Ideen nachzuhängen. Punk war für mich eine reine Fingerübung. Ich wollte herausfinden, inwieweit man die Verhältnisse verändern kann, indem man das System attackiert.“

Mit Mode gegen den Konsum

Bei ihrer subversiven Haltung blieb Westwood aber erst einmal – mit Mode abseits des Mainstream gegen das Zeitalter der Massenproduktion. Dennoch: Mit ihren Haute Couture Linien, die sie nun mit Talent und Ideenreichtum entwarf, wurde sie immer erfolgreicher. Das System, das Westwood so sehr bekämpfte, machte sie schließlich zu einer internationalen Marke, die noch immer sehr begehrt ist.

Trotzdem ist sie politisch immer aktiv geblieben, vor allem, wenn es um Aktionen gegen den Klimawandel geht. So entwarf sie zum Beispiel T-Shirts für die Organisationen Cool Earth und Greenpeace. Ihr Kampf gegen die Erderwärmung ist auch immer noch ihr Kampf gegen eine zunehmend auf Konsum fixierte Welt. Doch was wäre Westwoods High-End-Mode ohne den Kapitalismus und Materialismus von heute?

„Man muss einerseits natürlich sagen, dass die Fashion Weeks in Paris, London, Tokio die Fahnenstange des Überkonsums und der Kapitalwirtschaft sind“, sagt Boris Schinke von der Organisation Germanwatch. „Da werden Dinge vorgestellt, die sich nur bestimmte Eliten leisten können und die eigentlich niemand braucht. Das heißt, es wird eine künstliche Nachfrage geschaffen.“

Man könne so einen systemischen Fehler entweder komplett ablehnen, meint der Experte für Internationale Klimapolitik, oder – und so mache es Westwood – aus dem System heraus versuchen, etwas zu ändern. „Ich finde es eigentlich gut, wenn eine Topdesignerin so ein Forum nutzt, um mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu fordern. Sie kennt sich gut aus in der Modewelt, sie versteht die Mechanismen und weiß, welche Kanäle sie adressieren kann, damit ihre Message ankommt“, sagt Schinke.

Ohne Schlüpfer zur Queen

Die „Designerin der Anarchie“ lässt sich gern durch historische Epochen beeinflussen und liebt Stoffe im britischen Stil – Wolle, Tweed und Schottenkaros. Ihren immer neuen Mode-Erfindungen hat sie es zu verdanken, dass sie zweimal hintereinander die Auszeichnung zur britischen Modeschöpferin des Jahres bekam. Auch Queen Elizabeth II wollte Westwoods Verdienste um die britische Mode nicht ungewürdigt lassen. 1992 verlieh sie ihr den „Order of the British Empire“. In einem medienwirksamen Moment ließ Westwood dabei vor den Fotografen ihren Rock hüpfen und offenbarte: Unter ihrer durchsichtigen Strumpfhose trug sie eindeutig keinen Schlüpfer. Da war sie wieder, die Rebellin.

Und obwohl Vivienne Westwood zum silbernen Thronjubiläum der Queen ein T-Shirt trug, auf dem die Königin mit Sicherheitsnadel in der Lippe und Graffiti über den Augen zu sehen war, erhielt sie 14 Jahre später auch noch den Ritterschlag von ihr – die Ernennung zur Dame Vivienne Westwood.

Macht es doch selbst!

Heute nutzt sie ihr Standing, um der Fashion-Industrie zu zeigen, wie es anders gehen kann. Sie sagt: Ihr müsst meine Kleider nicht kaufen. Macht sie doch selbst! Sie regt zum Do-it-yourself an, setzt sich für Recycling ein und dafür, weniger Dinge zu besitzen. Auch sie hat 30 Jahre lang, sogar zu sehr erfolgreichen Zeiten, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt. Ihre aktuelle Revolution heißt „Climate Revolution“, die sie auf ihrem Blog vorantreibt. Sie ist für Westwood der ultimative – und vielleicht letzte – Kampf, wie sie in einem Video auf Dazed Digital sagt: „Wenn wir den nicht gewinnen, wird es die Menschheit nicht mehr geben.“

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„Ein Charakter, der die Leute berührt“

Willi Fliedl malt und filmt, um sich auszudrücken: Ohne sprechen zu können liebt er den Kontakt zu Menschen

1. September 2013

HUCHTING. Willi Fliedl ballt die Hand mit den rot lackierten Fingernägeln zur Faust und dreht sie in der Luft. „Wenn es nach ihm ginge, wäre er Vielflieger“, erklärt Bernd Dabow, der seit 23 Jahren Freund und Betreuer des Schwerstbehinderten ist. Die beiden unternehmen viel zusammen, denn Fliedl ist am liebsten unterwegs – in der Stadt ist er bekannt wie ein bunter Hund.

Willi Fliedl ist Optimist. Seine aufgeschlossene und fröhliche Natur lässt vermuten, dass er nur noch selten an seine Tage in der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg zurückdenkt. „Körperlich gesehen hatte Willi früher nur eine Gehbehinderung“, weiß Gunnar Zropf aus den Akten. Der Leiter der Tagesstätte, in der Fliedl heute betreut wird, hat selbst erfahren, wie sein Klient damals behandelt wurde. „Er musste die ganze Zeit liegen. Und zwar im hintersten Zimmer der geschlossenen Abteilung, im allerletzten Bett.“

Durch die mangelnde Bewegung wurden Fliedls Gelenke steif und seine Muskeln und Sehnen verkürzten. Heute ist er nur noch in der Lage, seinen linken Arm zu benutzen. Mit diesem kommuniziert er – richtig sprechen kann der 68-Jährige nicht.

Nach der Auflösung des Klosters vor 25 Jahren zog Willi Fliedl ins Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an der Amersfoorter Straße 8. Seine Tage verbringt der freiheitsliebende Mensch in der benachbarten Tagesstätte, wo er beim projektorientierten Lernen teilnimmt. Dabei ergeben sich für Fliedl viele Möglichkeiten, seinen Hobbies – dem Malen und dem Filmen – nachzugehen.

„Als sich seine Gruppe mit dem Thema ‚Von der Kuh zur Milch‘ beschäftigte, filmte Willi die Ausflüge zum Bauernhof“, erläutert Bernd Dabow, der sich selbst als Fliedls rechte Hand bezeichnet. Der gelernte Erzieher versteht die Laute und Gestik des Schwerstbehinderten wie kein Anderer. Auch bei Feiern und Projektabschlüssen ist Fliedl zur Stelle. Die Videokamera, die er von seinem Halbbruder geschenkt bekommen hat, wird dann hinter Fliedls Kopf am Rollstuhl befestigt. „Das ist sehr interessant, weil wir dann nachher alles aus seiner Perspektive sehen können“, sagt Gunnar Zropf.

Für Willi Fliedl sei das eine Möglichkeit, sich auszudrücken und Anerkennung zu bekommen, so der Leiter der AWO-Einrichtung. Jeden Dienstag ist Fliedl zudem im Blaumeier-Atelier, wo er sich mit Malerei, Schauspiel und Musik beschäftigen kann. Bei Ausstellungen des Ateliers konnte der kontaktfreudige Mann bereits zwei von ihm bemalte 1,80 mal 1,80 Meter große Leinwände verkaufen. Mit dem Erlös erfüllte er sich seinen Traum und flog mit einem Flugzeug nach Berlin. Bei der Erinnerung erstrahlt das junge Gesicht des 68-Jährigen und er nickt zustimmend.

Fliedls liebste Tätigkeit aber ist es, unterwegs zu sein und Menschen zu treffen. „Eine Handbewegung nach vorne und ich weiß Bescheid – Willi will los“, lacht sein Betreuer. Also geht es täglich mit Bus und Bahn in die Innenstadt, die Wallanlagen, zur Waterfront oder an den Werdersee.

Und dabei passiert etwas, das den Erzieher immer wieder zum Staunen bringt: „Willi hat eine Gabe, mit Menschen in Kontakt zu treten. Er ist ein Charakter, der auf Leute einen Eindruck macht und etwas in ihnen berührt.“ So komme es, dass Fliedl etwa beim Durchqueren der Sögestraße alle paar Meter gegrüßt werde. „Willi kommuniziert auf seine eigene Art, und zwar mit Deutschen wie mit Türken und Afrikanern, mit Kindern wie mit Älteren“, sagt Bernd Dabow. „Wenn Inklusion einen Namen hätte, dann wäre es Willi Fliedl.“

Ein bis zwei Mal im Monat unternimmt der Betreuer auch außerhalb seiner Dienstzeit etwas mit seinem Klienten, der inzwischen vielmehr ein Freund geworden ist. „Wir gehen zu Spielen der zweiten Fußballmannschaft von Werder Bremen, zum Handball oder ins Theater“, so Dabow. Er kennt Fliedl mehr als gut, weiß, dass dieser einen großen Gerechtigkeitssinn hat, dass er sehr gerührt sein kann, dass er gern Kartoffelbrei isst und seinen Kaffee mit zwei Stücken Zucker und Milch trinkt.

„Und, was machen wir heute noch?“, fragt Dabow. Willi Fliedl gibt ihm ein Zeichen, das „filmen“ bedeutet. „Genau, wir wollten uns noch sein Filmmaterial anschauen“, erinnert sich der Erzieher. Denn als das Bürger- und Sozialzentrum sowie die AWO-Einrichtungen auf dem Gelände kürzlich ihr 25. Jubiläum feierten, war Fliedl natürlich dabei und hielt seine ganz persönlichen Eindrücke fest.

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Nadelstiche vom Anwalt

Warum ein Bremer Jurist lieber Kunden in seinem Studio tätowiert statt Klienten vor Gericht zu verteidigen

10. September 2012

Harald Fricke sieht man nicht an, was er beruflich macht. Wer ihn mit seinen langen und strähnigen Haaren sieht, würde nicht auf die Idee kommen, dass er Rechtsanwalt ist. Und eigentlich fühlt er sich auch nicht wie ein Anwalt. Sein Herz schlägt für eine Profession, die in seinen Augen ehrlicher ist. Kreativer. Näher am Menschen. So nah, dass sie unter die Haut geht. Harald Frickes Herz schlägt fürs Tätowieren.

Es kommt nicht mehr oft vor, dass Rechtsanwalt Harald Fricke zum Gericht muss. Aber wenn ein Fall es verlangt, tauscht er seinen Strand-Look – Flip-Flops, Ringelshirt und Badeshorts – gegen Hemd und Krawatte ein. Dann sieht man seine Tattoos an den Armen nicht mehr. Den „Tunnel“ lässt er aber – das Piercing, ein geweitetes Loch im Ohrläppchen, ist dann das einzige Zeichen, das etwas über das zweite Leben des Harald Fricke verrät. Denn er ist nicht nur Anwalt. Er ist vor allem Tätowierer.

Vor sieben Jahren beschloss der 46-Jährige, sein eigenes Studio zu eröffnen. Das Haus, in dem er wohnt und in dem er seine zwei Jobs ausübt, hat er gekauft. In seinem Büro liegen verstreut Unterlagen und Rechnungen auf dem Schreibtisch. Ordner stehen in Regalen. Auf einem Brett hinter dem Schreibtisch reihen sich Bücher zum Strafrecht und zur Strafvollstreckung. Auch das Standardwerk „Deutsche Gesetze“ hat hier seinen Platz.

Dort hängt auch ein Poster der Punkrockband „Social Distortion“. Ihr Logo auf dem Poster ist eine Art tanzendes Skelett. Neben der Kanzlei schließt sich direkt der Raum an, in dem Harald Tag für Tag Menschen verschiedene Bilder, Symbole und Schriftzeichen in die Haut sticht – das Tattoostudio. Das Mobiliar darin könnte aus einer unmodernen Arztpraxis stammen: eine grüne Liege, ein verstellbarer roter Liegestuhl, Stühle mit Rollen und kleine Beistelltische aus Metall. In einem Regal an derWand befinden sich Farbtuben und Einmalrasierer. In einem anderen zahlreiche Kästchen mit Piercingschmuck. Außerdem gibt es ein Waschbecken, Desinfektionsseife und ein Bild mit dem Nervensystem des Menschen.

Seitdem er das Studio hat, arbeitet er immer weniger als Anwalt, sagt Fricke. Er habe sich ganz bewusst dagegen entschieden. „Das Tätowieren entspricht mehr meiner Natur. Ich mag den unmittelbaren Bezug zu Arbeit und Arbeitserfolg.“ Auch habe er dabei mehr kreativen Spielraum und sei flexibler bei der Einteilung seiner Zeit. So könne er auch mal tagsüber etwas mit seinen Kindern unternehmen. Fricke war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau hat er drei Töchter, die zehn, 13 und 15 Jahre alt sind.

Die älteste Tochter wohnt bei ihm, über dem Tattoostudio. Sie hat dort eine Etage für sich, denn Fricke lebt im Keller. Sein Zimmer befindet sich ganz unten neben Abstellräumen. Mitten im Chaos ist auch eine Dusche eingebaut. Von den Kellerräumen gelangt man in einen verwilderten Garten. Sitzmöglichkeiten gibt es keine. Fricke setzt sich auf den Boden und blickt in die Mittagssonne. Es ist heiß an diesem Tag.

„Die wussten immer, dass ich Anfänger war.“

Es sei eigentlich Zufall gewesen, dass er außer Anwalt auch Tätowierer wurde, erzählt Fricke. „Meine damalige Frau wollte als Piercerin arbeiten. Wir haben eine erste Ausstattung für 2000 Mark gekauft. Schmuck und Werkzeug und so. Ich wollte sie dabei unterstützen.“ Zu dem Zeitpunkt studierte er noch Jura. Um mehr finanzielle Sicherheit zu haben, ließ er sich in einem Tattoo- und Piercingstudio zum Piercer ausbilden.

Ohne viel zu üben, ist er irgendwann mit seinem Kollegen nach Portugal gereist und hat angefangen, Leute zu tätowieren. „Ich habe aber niemandem etwas vorgemacht. Die wussten immer, dass ich Anfänger war.“ Schließlich machte sich Harald als Tätowierer selbstständig. Ein Angestelltenverhältnis konnte er sich auf Dauer nicht vorstellen. An Hierarchien könne er sich nicht anpassen.

Beim Tätowieren gehe es neben Technik viel ums Zuhören, sagt Fricke. Und um Einfühlungsvermögen, man müsse ein Gespür dafür entwickeln, was der Kunde wirklich wolle. Darin ist er offenbar gut. Denn mittlerweile ist er monatelang im Voraus ausgebucht. Es kommen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zu ihm, sagt er. Sorgen um seine Existenz muss sich Fricke nicht mehr machen. Er hat jeden Tag Termine, bei einem größeren Tattoo dauert eine Sitzung vier Stunden.

Gute Vorstellungskraft und viel Kreativität

Auch heute hat Fricke wieder einen Kunden. Als Edu, ein kräftiger dunkelhaariger Mann, mit seinem Motorrad auftaucht, sitzt Fricke entspannt vor seinem Laden auf einer Holzbank: „Na Edu, was machen wir heute?“ Fricke kombiniert intuitives Arbeiten frei Hand mit konkreten Wünschen und Bildvorlagen seiner Kunden. Sie kommen oftmals zu ihm, weil sie etwas Besonderes wollen, ein Cover beispielsweise, das ein bestehendes Tattoo durch ein anderes verschwinden lässt. Dafür braucht ein Tätowierer eine gute Vorstellungskraft und viel Kreativität. Mode-Tattoos wie ein Steißbein-Tribal und japanische Zeichen, die Symbole für Liebe, Kraft oder Mut sind, mache er seltener. Momentan seien Schriftzüge sehr beliebt. Edu will auch einen Schriftzug – „die Namen meiner Frau und meiner Tochter auf dem Unterarm.“

Fricke bereitet die Sitzung vor: Er stimmt die Schriftart immer wieder mit dem Kunden ab. Edu ist nicht zum ersten Mal da, er weiß, er muss Geduld haben. Schließlich klebt Fricke noch die Klemmlampe und den Rolltisch mit Klarsichtfolie ab. Das sind die Gegenstände, die er beim Tätowieren immer wieder anfassen und verstellen muss. Auf dem Metalltischchen befinden sich kleine Farbbehälter, Vaseline und destilliertes Wasser zum Zwischenreinigen der Nadeln. Edus Unterarm wird rasiert. Fricke sucht die beste Sitzposition und schaltet die Tätowiermaschine an. Es surrt, die Nadel durchsticht die Haut. Im Hintergrund ertönt Xavier Naidoos sanfte Stimme zu einem laut aufgedrehten Bass. Edu ist ganz ruhig, während Fricke die schwarze Tinte unter seine Haut bringt. Wie tief er stechen muss, weiß Fricke aus Erfahrung und Gefühl. „Es gibt keine Formel dafür“, sagt er. Bei dünneren Hautstellen steche er aber vorsichtiger als bei dickeren.

In Zukunft will der Anwalt lernen, ohne Maschine zu tätowieren. Dabei stoße man die Nadel von Hand in die Haut. Ganz ursprünglich, sagt er, wie man es in der japanischen Tätowiertradition findet. „Das ist wie zu Fuß gehen im Gegensatz zum Autofahren. Ich gehe gern zu Fuß.“

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Bremer Initiative weckt Lust am Lesen

Preisverleihung: Grundschüler gewinnen mit selbst geschriebenen Geschichten Büchergutscheine

31. Dezember 2011

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MITTE. Lesen fördert nicht nur das Sprachvermögen, es regt auch die Fantasie und Kreativität an. So sieht es die Initiative Leselust und rief Grundschüler auf, selbst Geschichten zu Papier zu bringen. Die Besten erhielten nun im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung Büchergutscheine zur Aufstockung der Schulbibliothek.

„Guten Tag Herr Präsident, meine Damen und Herren“, beginnt Moderator Dirk Böhling immer wieder seine Ansprachen im Plenarsaal der Bremischen Bürgerschaft. Allerdings sitzen vor ihm keine Politiker, sondern Dutzende Grundschüler, die sich köstlich über den Schauspieler, Regisseur und Autor amüsieren. Böhling ist Botschafter für die Bremer Leselust, eine Initiative, die das Lesen in der Gesellschaft, vor allem im Umfeld von Kindern, wieder populärer machen möchte.

Die Atmosphäre im Plenarsaal ist ausgelassen und gespannt zugleich. Die Kinder sitzen wie Abgeordnete in den Reihen vor dem Sprecherpodium, die Eltern versteckt auf dem oberen Rang. Die Presse ist da, es werden Fotos gemacht – der Nachwuchs spürt: Hier passiert etwas Wichtiges.

Im Rahmen eines Wettbewerbs der Leselust hatten Bremer Grundschüler die Möglichkeit, sich selbst im Schreiben zu versuchen. Mit ihren Geschichten konnten sie Bücher-Gutscheine im Wert von 600 Euro zur Aufstockung der Schulbibliothek gewinnen.

Bei der feierlichen Preisverleihung unter der Schirmherrschaft von Bürgerschaftspräsident Christian Weber werden einige der Kurzgeschichten vorgelesen, selbst gedichtete Lieder gesungen und die Gutscheine im Gesamtwert von 12.000 Euro an die Schulen vergeben.

„Es ist toll, dass meine Geschichte gewonnen hat“, freut sich die kleine Mona von der Grundschule am Pürschweg. Ungefähr eine Woche habe sie daran geschrieben, wie ein Mädchen namens Conny einen Wochenendausflug bei Oma und Opa macht.

„Das ist wie eine vorweihnachtliche Bescherung“, sagt Ulrike Hövelmann, Vorsitzende der Bremer Leselust. „Ich freue mich sehr, dass wir mit den üppigen Spenden 20 Grundschulen beglücken können.“ Möglich wurde das durch die Unterstützung der Bürgerstiftung Bremen und der Bremer Literaturstiftung sowie der Einnahmen durch Verkäufe im neuen Stadtmusikantenhaus der Leselust im Lloydhof.

Ein Kernstück seit den Anfängen des Projekts Leselust bilden Aktionen mit sogenannten Lesebotschaftern. Ehrenamtlich engagierte Prominente animieren über das Vorlesen Kinder und Jugendliche zum Weiterlesen. Ausgefallene Veranstaltungsorte wie die gläserne Werft in Vegesack, das ehrwürdige Gobelinzimmer im Rathaus oder eben der Plenarsaal der Bremischen Bürgerschaft erhöhen die Attraktivität der Initiative.

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Referenzen

  • Leseproben