Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

Take-away für Reste

Too Good To Go sorgt mit einer App dafür, dass Restaurants weniger Essen wegschmeißen müssen

5. Juli 2016

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Seit diesem Jahr sind sie in Frankreich Pflicht: die sogenannten Doggy Bags. Der Begriff stammt aus den USA und hatte ursprünglich die Bedeutung, dass Essensreste im Restaurant für den Hund eingepackt wurden. Kein Wunder, dass sich die Haute Cuisine, die gehobene französische Küche, mit dem Konzept schwertut.

Was in vielen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, galt in Frankreich lange Zeit als Fauxpas: Ist die Mahlzeit zu groß, lässt man sich die Reste eben einpacken. Doch ein neues Gesetz schreibt französischen Restaurants nun vor, Doggy Bags auf Lager zu haben, wenn sie mehr als 150 Essen pro Tag servieren. Denn allein in der Gastronomie werden jedes Jahr eine Million Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Le Gourmet Bag

Die französische Regierung möchte gegen die Verschwendung angehen: Bis 2025 soll nur noch halb so viel weggeschmissen werden. Allez la France! Helfen soll dabei unter anderem das Doggy-Bag-Gesetz. Und das Problem mit dem Begriff? Hierfür fanden Gastronomen eine elegante Lösung: Sie tauften die „Hundetüte“ kurzerhand um in „Gourmet Bag“.

Bis das Konzept im Land der Gourmets richtig akzeptiert ist, wird es wohl noch etwas dauern – laut einer Umfrage der Regierung haben 70 Prozent der Franzosen noch nie Reste mit nach Hause genommen. Allerdings wird die Idee der Doggy Bags von 75 Prozent der Befragten befürwortet.

Wir Deutschen haben da grundsätzlich etwas weniger Hemmungen, die Überbleibsel unseres Schnitzels oder der Gemüsepfanne zum späteren Verzehr mitzunehmen. Trotzdem: Auch bei uns muss die Gastronomie pro Gast rund 23,6 Kilogramm Lebensmittel im Jahr wegwerfen.

Zu gut für die Tonne

Anders als in Frankreich setzt die Bundesregierung auf Freiwilligkeit und hat die Initiative „Zu gut für die Tonne“ ins Leben gerufen. Im Rahmen der Aktion „Restlos genießen“ wurden bundesweit 17.600 kompostierbare „Beste-Reste-Boxen“ an Restaurants verteilt. Sie können auch online bestellt werden und sollen die Gastronomie animieren, ihren Gästen das Einpacken von Resten aktiv anzubieten.

Außerdem gibt es die „Zu gut für die Tonne“-App mit derzeit rund 350 Rezepten von Sterneköchen und prominenten Kochpaten wie Sarah Wiener, Johann Lafer und Daniel Brühl. Sie zeigen, wie man aus übriggebliebenen Lebensmitteln leckere Restegerichte zubereitet. Die App gibt auch Tipps zum Einkauf, zur richtigen Aufbewahrung und Verwertung von Lebensmitteln.

App: Too Good To Go

Einen anderen Ansatz verfolgt das Startup Too Good To Go, das ebenfalls eine App entwickelte: Restaurants können damit ihre Speisen kurz vor Ladenschluss günstig an Selbstabholer verkaufen. Kunden zahlen über die App oder die Internetplattform, bekommen eine Bestätigung und holen sich das Essen dann direkt beim Betrieb ab. Dort erhalten sie eine biologisch abbaubare oder wiederverwendbare Box, die entweder bereits befüllt ist oder individuell zusammengestellt werden kann.

Die Idee dieses „Take-Away-Services“ für frische Lebensmittel, die ansonsten im Müll landen würden, startete Ende 2015 in Dänemark. Mittlerweile gibt es Teams in vielen Ländern. Die angebotenen Speisen haben einen Preis ab 2 Euro pro Portion, wovon ein Euro an das Startup geht, das sich um die digitale Infrastruktur und den Kundenservice kümmert. Ein Gewinn für alle Seiten, einschließlich der Umwelt: Für die Produktion der Lebensmittel sind schließlich Ressourcen und Transportwege angefallen.

In Dänemark kooperieren bereits über 300 Betriebe mit dem Jungunternehmen. Auch in Deutschland wächst die Zahl, wie man auf Facebook lesen kann: „Tag für Tag machen mehr Restaurants bei Too Good To Go mit und wir kommen unserem Ziel, dass all die leckeren Lebensmittel NICHT mehr in der Mülltonne landen, Stück für Stück näher.“ Übrigens: Wer noch kein kooperierendes Restaurant in seiner Nachbarschaft hat, kann dem Startup per Website-Formular Betriebe vorschlagen, die teilnehmen sollten.

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Urban Farming

ECF Berlin: Im Kreislauf gedacht

17. Mai 2016

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So frisch wie aus Omas Schrebergarten: Die ECF Farm produziert Fisch und Gemüse in Berlin-Schöneberg. Näher am Verbraucher geht es kaum.

Landwirtschaft mitten in der Stadt? Im Kleinen ist uns das Modell als Urban Gardening schon bekannt. Doch da geht es mehr um das städtische Gärtnern, die Begrünung von Brachflächen und Bepflanzung von noch so kleinen Beeten am Straßenrand. In den Gemeinschaftsgärten wird natürlich auch Gemüse angebaut und meist für den Eigenbedarf geerntet.

Das Konzept des Urban Farming geht jedoch weiter. In vielen Ländern leben bereits mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Um diese mit frischen Lebensmitteln zu versorgen ohne lange Transportwege und Kühlketten in Kauf nehmen zu müssen, haben sich einige Startups gedacht: Produzieren wir doch Gemüse und Fisch im großen Stil direkt in der Stadt, in unmittelbarer Nähe zum Verbraucher.

Frisch aus der Hauptstadt

Beispiele dieser sogenannten Aquaponik-Farms sind Green Acre Aquaponics in den USA und hierzulande das Jungunternehmen ECF in Berlin. Das ECF-Team kombiniert die Zucht von Buntbarschen mit Gemüseanbau aus einem einfachen Grund: Das nährstoffreiche Wasser aus der Fischzucht eignet sich hervorragend als umweltfreundlicher Dünger für die Gewächshäuser. „Wir sehen in dieser Art von Farmsystem in der Stadt viel Potenzial“, sagt ECF-Geschäftsführer Nicolas Leschke. „Es spart Wasser, CO2 und Transportwege. Die Lebensmittel werden nachhaltig produziert und kommen wirklich frisch beim Konsumenten an.“

Wer die Produkte etwa am ECF-Stand in der Markthalle Neun in Kreuzberg kauft, kann sich sicher sein, dass weder Gentechnik noch Antibiotika oder Pestizide bei der Herstellung im Spiel waren. Der Fisch stammt nicht aus überfischten Weltmeeren, er wird handgefangen, handverarbeitet und handverpackt. Mittlerweile hat der „Hauptstadtbarsch“ Einzug in viele Supermarktfilialen in Berlin erhalten. Saisonales Gemüse und Kräuter werden auch an Gastronomie-Betriebe geliefert.

So funktioniert‘s

Aquaponik setzt sich zusammen aus Aquakultur, also der Fischaufzucht in einer Kreislaufanlage, und Hydroponik, dem Pflanzenanbau im Wasser. Das Gesamtsystem ist sehr ressourcenschonend konzipiert: Das auf dem Dach gesammelte Regenwasser wird zunächst in der Aquakultur eingesetzt, wo die Speisefische heranwachsen und dabei das Wasser mit Nährstoffen anreichern. Anschließend gelangt das Wasser in den Gewächshausteil der Farm, wo die Pflanzen die Nährstoffe aus dem Wasser für ihr Wachstum nutzen.

Grundsätzlich könnten verschiedene Süßwasserfische in der Anlage produziert werden. Die ECF-Farmer haben sich zunächst für den Buntbarsch entschieden. Sein weißes Fleisch ist wohlschmeckend und hat wenig Gräten. Der Buntbarsch – auf Grund seiner rötlichen Färbung auch Rosé Barsch genannt – ist weltweit ein gefragter Fisch für Aquakulturen, da er krankheitsresistent und ein guter Futterverwerter ist. 1,2 Kilogramm Biofutter ergibt 1 Kilogramm Fisch. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Rindfleisch benötigt ganze 8 Kilogramm Futter.

Das Hauptstadt-Gemüse besteht unter anderem aus Tomaten, Salat, Sprösslingen und Kräutern. „Darunter befinden sich auch spannende alte Sorten“, verrät Nicolas Leschke. Sie werden saisonal angebaut und tagesfrisch an den Kunden weitergegeben.

Nischengeschäft

Das Hauptgeschäft von Leschke und seinem Team ist jedoch nicht die Berliner ECF Farm an sich, sondern das Planen und Bauen von Aquaponikfarms für den internationalen Markt. Die Nachfrage scheint zu wachsen. Doch Leschke ist Realist: „Urban Farming wird immer eine Nische bleiben. Um den Lebensmittelbedarf aller Menschen zu decken, bleibt die traditionelle Landwirtschaft unerlässlich.“

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