Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

Wie viel Nachhaltigkeit steckt in deutschem Bier?

29. April 2016

Quartiermeister

Nachdem ich neulich in den USA in eine ziemlich coole Craft-Beer-Brauerei gestolpert bin, beschäftigte mich die Frage, ob das Brauen im kleinen Stil, das ja auch bei uns in Deutschland sehr im Trend liegt, etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Und: Wie wichtig ist den großen Markenbierherstellern eigentlich eine nachhaltige Produktion von Bier? Über die Thematik sprach ich auch mit Biobiervorreiter Neumarkter Lammsbräu. Die Jungs von Quartiermeister überzeugten mich schließlich, dass man mit Bier viel Gutes tun kann. Also dann: Prost!

Das Tor zur „Old Soul“‐Brauerei steht offen. Jeder kann in den Raum hineinlaufen, der wie eine riesige Garage mit hohen Decken wirkt, und den Brüdern Jacob und Nick Schmidt beim Bierbrauen zuschauen. Es riecht herb und würzig. Bierfässer stehen zwischen den Braukesseln auf Holzpaletten herum, an der Seite ein Regal mit lauter Krimskrams, Werkzeug und einer Musikanlage, daneben ein gemütlicher Sessel. An der hintersten Wand hängt über einem Rennrad die obligatorische amerikanische Flagge: „Old Soul Brewing“ in Fort Myers, Florida, ist nur eine von vielen Mikrobrauereien in den USA.

Die Craft‐Beer‐Szene steht für Brauhandwerk, Qualität und vor allem viel Kreativität. Auch in Deutschland. Aber haben diese Aspekte auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun? „Für uns heißt Nachhaltigkeit, dass wir genau wissen, wo unsere Zutaten herkommen“, sagt Richie Hodges. Seit einem Jahr bringt der Amerikaner sein Wissen beim Craft‐Beer‐Startup Berliner Berg ein. Die Mikrobrauerei vertraue beim Bezug ihrer Inhaltsstoffe auf kleine Familienbetriebe. Die könnten sich keine schlechte Qualität erlauben. In der alternativen Brauszene seien Geschmack und Leidenschaft wichtiger als Zahlen. Den großen etablierten Brauereien gehe es dagegen mehr um Profit, als um die Kultur des Brauens, meint Hodges.

Mangelnde Transparenz

Wie es die Großbrauereien in Deutschland mit der Nachhaltigkeit bei der Bierherstellung halten, lässt sich schwer beurteilen. Denn in den Punkten umweltfreundlich angebaute Rohwaren, schonender Umgang mit Wasser, Abfallreduzierung, Energieeffizienz und Einsatz von erneuerbaren Energien weisen die Brauereien eine mangelhafte Transparenz auf. Das ermittelte die Initiative Rank a Brand im Rahmen ihres Bier‐Rankings. Der Verein untersucht Markenhersteller auf ihre Transparenz zur Nachhaltigkeit, um herauszufinden, wie verantwortungsvoll diese mit natürlichen, endlichen Ressourcen umgehen. Die Bewertungskriterien von Rank a Brand für Biermarken können hier eingesehen werden.

Im aktuellen Ranking konnten die Marken Warsteiner und Paulaner ihre Stellung im Vergleich zu 2013 deutlich verbessern. Die Schlusslichter sind Erdinger, Flensburger, Oettinger und Veltins sowie die Marken der Radeberger Gruppe Jever, Radeberger und Sternburg. Die einzige Marke, die mit einem B‐Label als „empfehlenswert“ eingestuft wird, ist Neumarkter Lammsbräu. Die genannten Biere sind nicht etwa schlecht und auch über den Geschmack sagt das Ranking nichts aus. Doch die Brauereien pflegen eine „nicht aussagekräftige oder im Grunde gar nicht existente Berichterstattung zur Nachhaltigkeit“, so Mario Dziamski, Gründer von Rank a Brand Deutschland.

Auch der Deutsche Brauer‐Bund kann hier nicht wirklich weiterhelfen. „Die Nachhaltigkeit des eigenen Handelns genießt bei allen Brauereien höchste Priorität“, beteuert Pressesprecher Marc‐Oliver Huhnholz. Doch gebe es nur wenige Unternehmen, die die Nachhaltigkeitsaktivitäten zu Papier gebracht hätten. Die Anhebung der EEG‐Zulage auf 5,3 Eurocent pro Kilowattstunde habe die Branche mit rund 20 Millionen Euro zusätzlich belastet. Das Brauen, Gären und Lagern sowie die Flaschenreinigung seien sehr energieintensive Prozesse und stellten deshalb einen großen Kostenblock bei der Bierherstellung dar. Energieeinsparung sei daher das große Thema in den Brauereien. „Die Branche sucht fortwährend nach Einsparpotentialen und versucht auch alternative Erzeugungsformen wie Holzfeuerungen, Windräder, Solaranlagen oder selbsterzeugtes Biogas aus
Abwässern einzusetzen“, so Huhnholz.

Kompromissloser Bioansatz

Für Susanne Horn, Geschäftsführerin der Biobrauerei Neumarkter Lammsbräu ist das zwar besser als nichts, sie vermisse aber langfristige Strategien der herkömmlichen Brauereien für mehr ökologische und soziale Nachhaltigkeit. „Unsere Brauerei versteht sich als Teil des ökologischen und gesellschaftlichen Systems“, so Horn. „Aus diesem Verständnis heraus nehmen wir eine ganzheitliche unternehmerische Verantwortung wahr, die sich in all unseren Aktivitäten widerspiegelt.“ Das Unternehmen setze sich über den eigenen betrieblichen Umweltschutz und die Herstellung biologischer Lebensmittel hinaus für die Schaffung intakter, ökologisch und sozial nachhaltiger Lebensräume ein. Gesellschaftlich nimmt die Brauerei Einfluss, indem sie jährlich den Nachhaltigkeitspreis an besonders herausragende, nachhaltige Projekte vergibt und diese somit in ihrer Arbeit finanziell und ideell fördert.

Derzeit gibt es in Deutschland nur drei überregional aktive Brauereien, die zu 100 Prozent in Bioqualität produzieren. „Das liegt zum einen daran, dass Bio nach wie vor eine Nische ist“, erklärt Susanne Horn. „Zum anderen ist es sehr aufwändig, sein komplettes Unternehmen auf Bio umzustellen.“ Brauereien müssten für Öko‐Braurohstoffe deutlich mehr zahlen als für konventionell erzeugte. Das mache man nur, wenn man von Bio und dem dahinterstehenden Denken auch wirklich überzeugt ist. Vor allem vor dem Hintergrund der Glyphosat‐Debatte hält Lammsbräu einen kompromisslosen Bioansatz für den einzigen Weg, Bier im Einklang mit der Natur auf nachhaltige Art und Weise herzustellen. Das Pestizid Glyphosat, das zur Unkrautvernichtung eingesetzt wird und im Verdacht steht krebserregend zu sein, wurde kürzlich vom Umweltinstitut München in den beliebtesten Biermarken nachgewiesen.

Soziales Bier

Dass Bier auch politischen Anspruch haben kann, zeigen die Mitarbeiter von Quartiermeister. Der Verein spendet 20 Prozent seines Umsatzes für soziale Projekte – das waren 2015 rund 17.500 Euro. „Wir zählen uns nicht zur Craft‐Beer‐Szene, sondern wollen das Bewusstsein dafür stärken, dass der alltägliche Konsum Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft ausübt“, erklärt Geschäftsführer David Griedelbach. Nachhaltigkeit spiele für Quartiermeister eine große Rolle. „Darunter verstehen wir, dass wir nicht wirtschaften, um reich zu werden, sondern um unsere Nachbarschaft zu bereichern. Unsere Gewinne fließen in gute, lokale Initiativen. Außerdem sind wir unabhängig von Investoren, damit wir unsere Entscheidungen selbst treffen und unseren Prinzipien treu bleiben können. Und wir arbeiten so gut es geht mit regionalen und inhabergeführten Produzenten, um Lieferwege kurz zu halten und kleine Betriebe zu stärken“, so Griedelbach.

Regionalität bedeutet bei Quartiermeister auch, das Bier nicht quer durch die Republik zu karren: 250 Kilometer sind Maximum. Daher gibt es das soziale Getränk bisher auch nur in Berlin, Dresden und Leipzig. Im Oktober kam dann die erste Biobiersorte auf den Markt. Zu einer ganzheitlich nachhaltigen Ausrichtung gehöre auch die aufwändige Biozertifizierung, sagt Griedelbach. Aber auch wenn die Leute inzwischen bereit seien, für Bioprodukte mehr Geld auszugeben – in Tanzclubs könne man Biobier noch nicht verkaufen. „Deshalb werden wir erstmal weiterhin zweigleisig fahren“, räumt der Geschäftsführer ein.

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