Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

BMXing from Bremen to Durban

Inclusive Project: Sportgarten

14. September 2016

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SPORTGARTEN. The people behind this neighbourhood-funded bike, skate and climbing park in Germany have transported the idea to Durban, SA

“From the very beginning,“ says Ulli Barde, head of inventive German sports initiative Sportgarten, „this has been an inclusive project for all kinds of youngsters, no matter what their age, sex, education, ethnicity, social status or place of residence.”

Young people in Bremen, north-west Germany, lacked space to hang out and play sports together whenever they wanted, especially when it came to skating, BMX and climbing as these sports didn’t qualify for city funding.

“We learned not only to design a facility, but also to get the money to build it,” recalls Barde. “Together with the kids we raised €200,000 through sponsored runs, charity activities, flea markets and other events.” The park opened in 1999 and 200-300 young people now visit every day.

Now the city of Durban in South Africa – the cities are twinned – has adopted the concept to build a South African version. Youngsters from Durban can do internships at Sportgarten while Ulli Barde and his team send interested Germans as volunteers to their partner organisation in the city.

One of these volunteers, Moritz Kistenfeger, spent a year in Durban and was involved in the construction of three bike parks in the Inanda, Ntuzuma and KwaMashu (INK) area 30k north of the city. The area has the second largest agglomeration of poor neighbourhoods in the country.

“The sites give kids the chance to learn and practice biking in a safe environment with professional coaches,“ says Moritz. „Later they will be able to do their homework under supervision in classrooms on these sites.”

The programme is open to everybody and is free of charge. “The sites have already become a real venue for young people: they can’t wait to be on the tracks,” explains Moritz. “That’s because there are basically no alternatives in the area. In other parts of the city with a mainly white population, you have huge facilities with ten gardeners and a view of the Indian Ocean. I’ve never seen a contrast like that before.”

“I learned a lot while working in this project – mainly that there are other ways of doing things. Because it’s sometimes not as organized as in Germany, I had to learn to be patient and more creative in solving problems,” sums up Moritz Kistenfeger.

Sandile Maphumolo from Durban also experienced a new culture when coming to Germany. “At first I was quite put off because I found it unwelcoming. In time I learned to understand that every culture is different and I need to adjust to the system and enjoy the experience.”

Besides the exchange with Durban, Ulli Barde constantly talks to sponsors, organizes big events and establishes new cooperative projects. The latest Sportgarten venture is the construction of an indoor skate park in downtown Bremen – with a difference.

The skate park will be combined with a digital media centre so kids can work creatively together in designing urban venues, making videos and using a laser cutter. “The technology also helps in getting young people to take part in decision-making processes,” says Barde. “It’s easier to discuss ideas when the kids can plot out their models with the laser cutter and make them tangible. I’m always interested in bringing together different groups, in this case skaters and computer nerds.“

Meanwhile the Sportgarten’s techniques are getting international recognition: the EU has included them in next month’s European Week of Cities and Regions. „We will present Sportgarten and discuss with the other countries how cities are addressing the challenge of urban poverty through inclusion, education and social innovation initiatives,” says Ulli Barde. “We are excited to learn from other innovative projects and to share our expertise.”

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MITTENDRIN

Das Info-Magazin der GEWOBA

18. Oktober 2014

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Im Einsatz für die ältere Generation: Das Magazins MITTENDRIN gibt Senioren Anregungen, ihr Leben aktiv zu gestalten.

Im Alter nicht vereinsamen, sondern teilhaben an der Gesellschaft und so lange es geht eigenverantwortlich leben – das sind Themen der MITTENDRIN. Das Mietermagazin der Bremer Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA erscheint dreimal jährlich in einer Gesamtauflage von 20.800 Exemplaren. Als Projektleiterin und Redakteurin begleite ich den Produktionsprozess von Anfang bis Ende: Ich recherchiere Themen, beauftrage geeignete Texter, briefe die Fotografen, schreibe und redigiere Artikel, überprüfe Satz und Layout. Ein prägnantes Merkmal des Magazins sind die Titelgeschichten, in denen jedes Mal eine bekannte Persönlichkeit mit Bremen-Bezug portraitiert wird. So schmückten bereits Henning Scherf, James Last, Dirk Busch, Hans-Dietrich Genscher sowie Uli Beckerhoff den Titel.

Unternehmenspolitik auf Nachhaltigkeit ausgerichtet
Die GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen setzt sich für soziale Stadt- und Quartiersentwicklung in Bremen und Bremerhaven ein. Mit rund 42.000 verwalteten Wohnungen und Gewerbeimmobilien ist sie der größte Anbieter von Mietwohnungen in Bremen, Bremerhaven und Oldenburg. Das Unternehmen verbindet wirtschaftliches Wachstum mit Klimaschutz und sozialem Gewissen: Es verpflichtet sich selbst zum Deutschen Corporate Governance Kodex, bietet kostenlose Energie-Spar-Checks und wohnbegleitende Services für ältere Mieter an.

www.gewoba.de
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„Ein Charakter, der die Leute berührt“

Willi Fliedl malt und filmt, um sich auszudrücken: Ohne sprechen zu können liebt er den Kontakt zu Menschen

1. September 2013

HUCHTING. Willi Fliedl ballt die Hand mit den rot lackierten Fingernägeln zur Faust und dreht sie in der Luft. „Wenn es nach ihm ginge, wäre er Vielflieger“, erklärt Bernd Dabow, der seit 23 Jahren Freund und Betreuer des Schwerstbehinderten ist. Die beiden unternehmen viel zusammen, denn Fliedl ist am liebsten unterwegs – in der Stadt ist er bekannt wie ein bunter Hund.

Willi Fliedl ist Optimist. Seine aufgeschlossene und fröhliche Natur lässt vermuten, dass er nur noch selten an seine Tage in der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg zurückdenkt. „Körperlich gesehen hatte Willi früher nur eine Gehbehinderung“, weiß Gunnar Zropf aus den Akten. Der Leiter der Tagesstätte, in der Fliedl heute betreut wird, hat selbst erfahren, wie sein Klient damals behandelt wurde. „Er musste die ganze Zeit liegen. Und zwar im hintersten Zimmer der geschlossenen Abteilung, im allerletzten Bett.“

Durch die mangelnde Bewegung wurden Fliedls Gelenke steif und seine Muskeln und Sehnen verkürzten. Heute ist er nur noch in der Lage, seinen linken Arm zu benutzen. Mit diesem kommuniziert er – richtig sprechen kann der 68-Jährige nicht.

Nach der Auflösung des Klosters vor 25 Jahren zog Willi Fliedl ins Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an der Amersfoorter Straße 8. Seine Tage verbringt der freiheitsliebende Mensch in der benachbarten Tagesstätte, wo er beim projektorientierten Lernen teilnimmt. Dabei ergeben sich für Fliedl viele Möglichkeiten, seinen Hobbies – dem Malen und dem Filmen – nachzugehen.

„Als sich seine Gruppe mit dem Thema ‚Von der Kuh zur Milch‘ beschäftigte, filmte Willi die Ausflüge zum Bauernhof“, erläutert Bernd Dabow, der sich selbst als Fliedls rechte Hand bezeichnet. Der gelernte Erzieher versteht die Laute und Gestik des Schwerstbehinderten wie kein Anderer. Auch bei Feiern und Projektabschlüssen ist Fliedl zur Stelle. Die Videokamera, die er von seinem Halbbruder geschenkt bekommen hat, wird dann hinter Fliedls Kopf am Rollstuhl befestigt. „Das ist sehr interessant, weil wir dann nachher alles aus seiner Perspektive sehen können“, sagt Gunnar Zropf.

Für Willi Fliedl sei das eine Möglichkeit, sich auszudrücken und Anerkennung zu bekommen, so der Leiter der AWO-Einrichtung. Jeden Dienstag ist Fliedl zudem im Blaumeier-Atelier, wo er sich mit Malerei, Schauspiel und Musik beschäftigen kann. Bei Ausstellungen des Ateliers konnte der kontaktfreudige Mann bereits zwei von ihm bemalte 1,80 mal 1,80 Meter große Leinwände verkaufen. Mit dem Erlös erfüllte er sich seinen Traum und flog mit einem Flugzeug nach Berlin. Bei der Erinnerung erstrahlt das junge Gesicht des 68-Jährigen und er nickt zustimmend.

Fliedls liebste Tätigkeit aber ist es, unterwegs zu sein und Menschen zu treffen. „Eine Handbewegung nach vorne und ich weiß Bescheid – Willi will los“, lacht sein Betreuer. Also geht es täglich mit Bus und Bahn in die Innenstadt, die Wallanlagen, zur Waterfront oder an den Werdersee.

Und dabei passiert etwas, das den Erzieher immer wieder zum Staunen bringt: „Willi hat eine Gabe, mit Menschen in Kontakt zu treten. Er ist ein Charakter, der auf Leute einen Eindruck macht und etwas in ihnen berührt.“ So komme es, dass Fliedl etwa beim Durchqueren der Sögestraße alle paar Meter gegrüßt werde. „Willi kommuniziert auf seine eigene Art, und zwar mit Deutschen wie mit Türken und Afrikanern, mit Kindern wie mit Älteren“, sagt Bernd Dabow. „Wenn Inklusion einen Namen hätte, dann wäre es Willi Fliedl.“

Ein bis zwei Mal im Monat unternimmt der Betreuer auch außerhalb seiner Dienstzeit etwas mit seinem Klienten, der inzwischen vielmehr ein Freund geworden ist. „Wir gehen zu Spielen der zweiten Fußballmannschaft von Werder Bremen, zum Handball oder ins Theater“, so Dabow. Er kennt Fliedl mehr als gut, weiß, dass dieser einen großen Gerechtigkeitssinn hat, dass er sehr gerührt sein kann, dass er gern Kartoffelbrei isst und seinen Kaffee mit zwei Stücken Zucker und Milch trinkt.

„Und, was machen wir heute noch?“, fragt Dabow. Willi Fliedl gibt ihm ein Zeichen, das „filmen“ bedeutet. „Genau, wir wollten uns noch sein Filmmaterial anschauen“, erinnert sich der Erzieher. Denn als das Bürger- und Sozialzentrum sowie die AWO-Einrichtungen auf dem Gelände kürzlich ihr 25. Jubiläum feierten, war Fliedl natürlich dabei und hielt seine ganz persönlichen Eindrücke fest.

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„Es entstand eine sortierte Stadt“

BREMER-ANZEIGER-Interview mit Wendelin Seebacher über das Schicksal Osterholz-Tenevers

3. März 2013

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OST. Schon während der Bauphase in den 70er Jahren wurde Osterholz-Tenever als „Klein-Manhatten“ bezeichnet. Riesige Betonberge entstanden damals auf Wiesen und Feldern. Wendelin Seebacher, seinerzeit als Stadtplaner dabei, spricht im Interview mit dem BREMER ANZEIGER über das Scheitern des großangelegten Projekts. Sein neues Buch zur Geschichte des Demonstrativ-Bauvorhabens präsentiert er am Dienstag.

BREMER ANZEIGER: Herr Seebacher, Sie arbeiteten von 1965 bis 1972 im Stadtplanungsamt. Hatten Sie Einfluss auf die Baupläne?
Wendelin Seebacher: Ach, als frisch diplomierter Städtebauer mit junger Familie … Ich hab schnell gesehen: Alle machten da mit: Senat, Beirat, Ortsamt, Politik, die Baugesellschaften. Da war ich ein Nichts. Ich hab mich fürchterlich geärgert über das, was da geschehen ist.

Wer hat am meisten von dem Vorhaben profitiert?
Die Grundstücksverkäufer, wie immer. Die Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft (NWDS) hatte von dem vielen Bauland der Nachkriegszeit in Bremen nichts abbekommen. Die hat sich dann überall Grundstücke zusammengekauft, unter anderem Osterholz-Tenever, für abartig viel Geld. Nun war das ja landwirtschaftliche Nutzfläche, die konnte man nicht einfach so bebauen. Da hat man dann ein Demonstrativ-Bauvorhaben erfunden.

Was genau bedeutet denn Demonstrativ-Bauvorhaben?
Wegweisend neue Wohnviertel gestalten. Richtlinien waren etwa: familienfreundlich, vernünftige Wohnlage, preisgünstig. In Tenever war es ein Vorhaben ausschließlich für Menschen innerhalb einer gewissen Einkommensgrenze.

Und wer hat entschieden, wer dort wohnen durfte?
Das war der öffentlich geförderte Wohnungsbau. Mit der Wohnungsnot nach dem Krieg war der Gedanke, viel geförderten Wohnraum anzubieten, an sich ganz richtig. Aber wenn man ein Viertel ohne jede Nachbarschaft baut, leben die Menschen dort isoliert. Und wer mehr verdiente, musste ausziehen. Also konnte sich Tenever sozial gar nicht durchmischen. Es entstand eine sortierte Stadt.

Woran ist das Projekt letztendlich gescheitert?
Zuerst waren 2500 Wohnungen vorgesehen. Ich hatte damals die Kosten für Schulen, Kitas und Erschließung berechnen müssen. Heraus kam, dass die Stadt 33 Millionen hätte zahlen müssen. Damit die Politik zustimmt, hat der Bausenator das auf 15 Millionen runterrechnen lassen. Es fehlten also schon 18 Millionen. Dann kam Professor Dietrich aus Nürnberg, von der NWDS geholt, und hat gesagt, das verdichten wir auf 4500 Wohnungen. Das heißt, man hatte dann für 4500 Wohnungen nur 15 Millionen öffentliche Mittel.

Welche Visionen verfolgten die Verantwortlichen?
Seufzt. Professor Dietrich hat den Leuten erzählt, was da für Wohltaten entstehen: Spielplätze, Servicehäuser, grüne Dachterrassen mit Liegestühlen und Duschen. Es wurde eine solch schöne Welt versprochen. Nur, kein Pfennig davon war finanziert, das waren richtig leere Versprechungen.

Konnte das Projekt zu Ende gebaut werden?
Nein. Als die ersten Häuser 1973 bezogen wurden, hat man festgestellt, dass alles zu dicht, zu hoch und zu weit ab von der Stadt war. Und das Geld war einfach nicht da. Nur die Hälfte konnte gebaut werden. Und dann war es über Jahrzehnte ein gemiedenes Viertel. Am Schluss standen 1000 Wohnungen leer, es war verwahrlost, es war nicht mehr beherrschbar.

Bis zum Rückbau …
Ja, das hat der Senat 2000 zusammen mit der Gewoba, die Teileigentümerin war, beschlossen. 900 Wohnungen wurden abgerissen und die Dichte aufgelockert. Da haben sich Leute ganz viel Mühe gegeben. Ich war sehr überrascht, dass das gelungen ist und da hab ich gedacht, jetzt schreibst du das endlich mal zusammen. Die Geschichte ist Krimi und Tragikomödie in einem, mit einem mehr oder weniger glücklichen Ende.

Wendelin Seebacher stellt sein Buch „… das machen wir nicht wieder“ am Dienstag, 5. März, ab 19.30 Uhr in der Buchhandlung Leuwer, Am Wall 171, vor.

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Nadelstiche vom Anwalt

Warum ein Bremer Jurist lieber Kunden in seinem Studio tätowiert statt Klienten vor Gericht zu verteidigen

10. September 2012

Harald Fricke sieht man nicht an, was er beruflich macht. Wer ihn mit seinen langen und strähnigen Haaren sieht, würde nicht auf die Idee kommen, dass er Rechtsanwalt ist. Und eigentlich fühlt er sich auch nicht wie ein Anwalt. Sein Herz schlägt für eine Profession, die in seinen Augen ehrlicher ist. Kreativer. Näher am Menschen. So nah, dass sie unter die Haut geht. Harald Frickes Herz schlägt fürs Tätowieren.

Es kommt nicht mehr oft vor, dass Rechtsanwalt Harald Fricke zum Gericht muss. Aber wenn ein Fall es verlangt, tauscht er seinen Strand-Look – Flip-Flops, Ringelshirt und Badeshorts – gegen Hemd und Krawatte ein. Dann sieht man seine Tattoos an den Armen nicht mehr. Den „Tunnel“ lässt er aber – das Piercing, ein geweitetes Loch im Ohrläppchen, ist dann das einzige Zeichen, das etwas über das zweite Leben des Harald Fricke verrät. Denn er ist nicht nur Anwalt. Er ist vor allem Tätowierer.

Vor sieben Jahren beschloss der 46-Jährige, sein eigenes Studio zu eröffnen. Das Haus, in dem er wohnt und in dem er seine zwei Jobs ausübt, hat er gekauft. In seinem Büro liegen verstreut Unterlagen und Rechnungen auf dem Schreibtisch. Ordner stehen in Regalen. Auf einem Brett hinter dem Schreibtisch reihen sich Bücher zum Strafrecht und zur Strafvollstreckung. Auch das Standardwerk „Deutsche Gesetze“ hat hier seinen Platz.

Dort hängt auch ein Poster der Punkrockband „Social Distortion“. Ihr Logo auf dem Poster ist eine Art tanzendes Skelett. Neben der Kanzlei schließt sich direkt der Raum an, in dem Harald Tag für Tag Menschen verschiedene Bilder, Symbole und Schriftzeichen in die Haut sticht – das Tattoostudio. Das Mobiliar darin könnte aus einer unmodernen Arztpraxis stammen: eine grüne Liege, ein verstellbarer roter Liegestuhl, Stühle mit Rollen und kleine Beistelltische aus Metall. In einem Regal an derWand befinden sich Farbtuben und Einmalrasierer. In einem anderen zahlreiche Kästchen mit Piercingschmuck. Außerdem gibt es ein Waschbecken, Desinfektionsseife und ein Bild mit dem Nervensystem des Menschen.

Seitdem er das Studio hat, arbeitet er immer weniger als Anwalt, sagt Fricke. Er habe sich ganz bewusst dagegen entschieden. „Das Tätowieren entspricht mehr meiner Natur. Ich mag den unmittelbaren Bezug zu Arbeit und Arbeitserfolg.“ Auch habe er dabei mehr kreativen Spielraum und sei flexibler bei der Einteilung seiner Zeit. So könne er auch mal tagsüber etwas mit seinen Kindern unternehmen. Fricke war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau hat er drei Töchter, die zehn, 13 und 15 Jahre alt sind.

Die älteste Tochter wohnt bei ihm, über dem Tattoostudio. Sie hat dort eine Etage für sich, denn Fricke lebt im Keller. Sein Zimmer befindet sich ganz unten neben Abstellräumen. Mitten im Chaos ist auch eine Dusche eingebaut. Von den Kellerräumen gelangt man in einen verwilderten Garten. Sitzmöglichkeiten gibt es keine. Fricke setzt sich auf den Boden und blickt in die Mittagssonne. Es ist heiß an diesem Tag.

„Die wussten immer, dass ich Anfänger war.“

Es sei eigentlich Zufall gewesen, dass er außer Anwalt auch Tätowierer wurde, erzählt Fricke. „Meine damalige Frau wollte als Piercerin arbeiten. Wir haben eine erste Ausstattung für 2000 Mark gekauft. Schmuck und Werkzeug und so. Ich wollte sie dabei unterstützen.“ Zu dem Zeitpunkt studierte er noch Jura. Um mehr finanzielle Sicherheit zu haben, ließ er sich in einem Tattoo- und Piercingstudio zum Piercer ausbilden.

Ohne viel zu üben, ist er irgendwann mit seinem Kollegen nach Portugal gereist und hat angefangen, Leute zu tätowieren. „Ich habe aber niemandem etwas vorgemacht. Die wussten immer, dass ich Anfänger war.“ Schließlich machte sich Harald als Tätowierer selbstständig. Ein Angestelltenverhältnis konnte er sich auf Dauer nicht vorstellen. An Hierarchien könne er sich nicht anpassen.

Beim Tätowieren gehe es neben Technik viel ums Zuhören, sagt Fricke. Und um Einfühlungsvermögen, man müsse ein Gespür dafür entwickeln, was der Kunde wirklich wolle. Darin ist er offenbar gut. Denn mittlerweile ist er monatelang im Voraus ausgebucht. Es kommen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zu ihm, sagt er. Sorgen um seine Existenz muss sich Fricke nicht mehr machen. Er hat jeden Tag Termine, bei einem größeren Tattoo dauert eine Sitzung vier Stunden.

Gute Vorstellungskraft und viel Kreativität

Auch heute hat Fricke wieder einen Kunden. Als Edu, ein kräftiger dunkelhaariger Mann, mit seinem Motorrad auftaucht, sitzt Fricke entspannt vor seinem Laden auf einer Holzbank: „Na Edu, was machen wir heute?“ Fricke kombiniert intuitives Arbeiten frei Hand mit konkreten Wünschen und Bildvorlagen seiner Kunden. Sie kommen oftmals zu ihm, weil sie etwas Besonderes wollen, ein Cover beispielsweise, das ein bestehendes Tattoo durch ein anderes verschwinden lässt. Dafür braucht ein Tätowierer eine gute Vorstellungskraft und viel Kreativität. Mode-Tattoos wie ein Steißbein-Tribal und japanische Zeichen, die Symbole für Liebe, Kraft oder Mut sind, mache er seltener. Momentan seien Schriftzüge sehr beliebt. Edu will auch einen Schriftzug – „die Namen meiner Frau und meiner Tochter auf dem Unterarm.“

Fricke bereitet die Sitzung vor: Er stimmt die Schriftart immer wieder mit dem Kunden ab. Edu ist nicht zum ersten Mal da, er weiß, er muss Geduld haben. Schließlich klebt Fricke noch die Klemmlampe und den Rolltisch mit Klarsichtfolie ab. Das sind die Gegenstände, die er beim Tätowieren immer wieder anfassen und verstellen muss. Auf dem Metalltischchen befinden sich kleine Farbbehälter, Vaseline und destilliertes Wasser zum Zwischenreinigen der Nadeln. Edus Unterarm wird rasiert. Fricke sucht die beste Sitzposition und schaltet die Tätowiermaschine an. Es surrt, die Nadel durchsticht die Haut. Im Hintergrund ertönt Xavier Naidoos sanfte Stimme zu einem laut aufgedrehten Bass. Edu ist ganz ruhig, während Fricke die schwarze Tinte unter seine Haut bringt. Wie tief er stechen muss, weiß Fricke aus Erfahrung und Gefühl. „Es gibt keine Formel dafür“, sagt er. Bei dünneren Hautstellen steche er aber vorsichtiger als bei dickeren.

In Zukunft will der Anwalt lernen, ohne Maschine zu tätowieren. Dabei stoße man die Nadel von Hand in die Haut. Ganz ursprünglich, sagt er, wie man es in der japanischen Tätowiertradition findet. „Das ist wie zu Fuß gehen im Gegensatz zum Autofahren. Ich gehe gern zu Fuß.“

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„Tempo aus dem Alltag nehmen“

In der Stadt vermehrt sich der gemeine grüne Daumen – immer mehr Urban-Gardening-Projekte

24. Juni 2012

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BREMEN. Urban Gardening – was ist das eigentlich? Projekte zum städtischen Gärtnern, wie es zu Deutsch heißt, finden sich in der ganzen Stadt. Die Ideen und Initiativen könnten unterschiedlicher kaum sein. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: die Nähe zur Natur.

Ob Verkehrsinseln, Brachflächen, Gartengemeinschaften oder Familiengärten – das städtische Gärtnern kennt keine Grenzen. Abzuheben ist es vom sogenannten Guerilla Gardening. Diese Form der Bepflanzung des öffentlichen und privaten Raums geschieht nämlich in der Regel unerlaubt und unorganisiert. Urban-Gardening-Projekte hingehen sind legale Aktionen, die meist von gemeinnützigen Vereinen getragen werden. Viele von ihnen verfolgen neben dem bloßen Ziel, zu Gärtnern und mit der Natur in Kontakt zu kommen, auch eine soziale Komponente.

Kommunikation anregen
So bepflanzt der Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (Vaja) mit Kindern und Jugendlichen öffentliche Plätze wie etwa verwahrloste Verkehrsinseln. Die Aktionen in der Vahr dienen nur zum Teil der Stadtverschönerung. Wiebke Jopp erklärt, worum es noch geht: „Wir wollen die Schüler anregen, sich mit ihrem Quartier zu identifizieren und bei seiner Gestaltung mitzuwirken.“ Das gemeinsame Gärtnern rege die Kommunikation untereinander, aber auch mit anderen Bewohnern des Stadtteils an.

Schnupper-Gärten
Wer einen Blick vom Osten in den Westen wirft, wird feststellen: Auch dort wird urban gegärtnert. Der Verein der Gartenfreunde „Am Mittelwischweg“ etwa startete in diesem Jahr ein neues Projekt im Kleingartengebiet In den Wischen. Es werden verschiedene Gartenformen und offene Treffs auf leer stehenden Parzellen angeboten. Dabei besteht die Möglichkeit, an einem Wochenende Kurzzeitferien im Kleingarten zu machen und so einmal ins Gärtnern hineinzuschnuppern.

Ein weiteres junges Projekt richtet sich speziell an Kinder, die in der Umgebung der Überseestadt zur Schule gehen. Der Verein Hafenschulgarten möchte Heranwachsenden den biologischen Anbau von Nutzpflanzen näherbringen: „Wir bewirtschaften eine städtische Brachfläche, legen gemeinsam Beete an und informieren über die einzelnen Pflanzen“, erklärt Sebastian Tischendorf. Aktuell werde eine Garten-AG mit einer zweiten Klasse der Grundschule Nordstraße durchgeführt.

Auf der anderen Weserseite, in Woltmershausen, konzentriert sich der Verein Effektive Mikroorganismen (EM) darauf, chemiefrei zu gärtnern und einen guten Nährboden für Pflanzen zu entwickeln. Aktiv tut er dies auf einer Brachfläche vom Umweltbetrieb Bremen, die zusammen mit dem Kleingärtnerverein „Fortschritt“ bepflanzt wird. EM informiert über die Wirkungsweise und Anwendungsmöglichkeiten regenerativer Mikroorganismen und will dazu in Zukunft auch Praxis-Seminare anbieten. „Derzeit suchen wir noch Menschen, die Lust haben, beim Verschönern der Fläche mitzuwirken“, so Danja Blümel von EM.

Entschleunigung
„Die Gründe für städtisches Gärtnern sind vielfältig“, sagt die Historikerin Kirsten Tiedemann. Manche protestieren gegen die Skandale in der Nahrungsmittelproduktion, andere haben die Stadtentwicklung im Fokus. Ob Globalisierungskritiker, Anarchisten oder Umweltaktivisten: Letztendlich gehe es auch darum, Tempo aus dem Alltag zu nehmen, einen Ausgleich zu finden und gemeinsam kreativ zu sein.

Wer Lust bekommen hat, seinen grünen Daumen zu erforschen, kann sich an den Verein Ökostadt Bremen wenden. Im Kulturzentrum Lagerhaus haben Mitglieder verschiedener Vereine eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema Urban Gardening gegründet. Der Zusammenschluss verfolgt das Ziel, eine Plattform zur Bündelung von Ideen zu schaffen.

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Bremer Initiative weckt Lust am Lesen

Preisverleihung: Grundschüler gewinnen mit selbst geschriebenen Geschichten Büchergutscheine

31. Dezember 2011

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MITTE. Lesen fördert nicht nur das Sprachvermögen, es regt auch die Fantasie und Kreativität an. So sieht es die Initiative Leselust und rief Grundschüler auf, selbst Geschichten zu Papier zu bringen. Die Besten erhielten nun im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung Büchergutscheine zur Aufstockung der Schulbibliothek.

„Guten Tag Herr Präsident, meine Damen und Herren“, beginnt Moderator Dirk Böhling immer wieder seine Ansprachen im Plenarsaal der Bremischen Bürgerschaft. Allerdings sitzen vor ihm keine Politiker, sondern Dutzende Grundschüler, die sich köstlich über den Schauspieler, Regisseur und Autor amüsieren. Böhling ist Botschafter für die Bremer Leselust, eine Initiative, die das Lesen in der Gesellschaft, vor allem im Umfeld von Kindern, wieder populärer machen möchte.

Die Atmosphäre im Plenarsaal ist ausgelassen und gespannt zugleich. Die Kinder sitzen wie Abgeordnete in den Reihen vor dem Sprecherpodium, die Eltern versteckt auf dem oberen Rang. Die Presse ist da, es werden Fotos gemacht – der Nachwuchs spürt: Hier passiert etwas Wichtiges.

Im Rahmen eines Wettbewerbs der Leselust hatten Bremer Grundschüler die Möglichkeit, sich selbst im Schreiben zu versuchen. Mit ihren Geschichten konnten sie Bücher-Gutscheine im Wert von 600 Euro zur Aufstockung der Schulbibliothek gewinnen.

Bei der feierlichen Preisverleihung unter der Schirmherrschaft von Bürgerschaftspräsident Christian Weber werden einige der Kurzgeschichten vorgelesen, selbst gedichtete Lieder gesungen und die Gutscheine im Gesamtwert von 12.000 Euro an die Schulen vergeben.

„Es ist toll, dass meine Geschichte gewonnen hat“, freut sich die kleine Mona von der Grundschule am Pürschweg. Ungefähr eine Woche habe sie daran geschrieben, wie ein Mädchen namens Conny einen Wochenendausflug bei Oma und Opa macht.

„Das ist wie eine vorweihnachtliche Bescherung“, sagt Ulrike Hövelmann, Vorsitzende der Bremer Leselust. „Ich freue mich sehr, dass wir mit den üppigen Spenden 20 Grundschulen beglücken können.“ Möglich wurde das durch die Unterstützung der Bürgerstiftung Bremen und der Bremer Literaturstiftung sowie der Einnahmen durch Verkäufe im neuen Stadtmusikantenhaus der Leselust im Lloydhof.

Ein Kernstück seit den Anfängen des Projekts Leselust bilden Aktionen mit sogenannten Lesebotschaftern. Ehrenamtlich engagierte Prominente animieren über das Vorlesen Kinder und Jugendliche zum Weiterlesen. Ausgefallene Veranstaltungsorte wie die gläserne Werft in Vegesack, das ehrwürdige Gobelinzimmer im Rathaus oder eben der Plenarsaal der Bremischen Bürgerschaft erhöhen die Attraktivität der Initiative.

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Eine erfolgreiche Schnapsidee

Hingucker in der kalten Jahreszeit: Selbstgestaltete Bollerwagen bieten alles, was das Kohlkönigherz begehrt

28. Dezember 2011

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BREMEN. Es gibt sie noch: mutige und kreative Geschäftsleute, die dem Alltäglichen ein Sahne-häubchen aufsetzen. In unserer Serie „Händler mit Idee“ stellen wir originelle Angebote und Unternehmen aus den Bremer Stadtteilen vor. Heute: „Pinkelkönig“.

Kaum bricht die kalte Jahreszeit an, sind viele Kohlkönige auch schon im Planungsstress. Die nächste Kohlfahrt liegt in ihren Händen: Trink-Routen müssen festgelegt, Spiele überlegt und Tische reserviert werden. Bald sieht man dann wieder scharenweise Gruppen durch Bremen pilgern. Ihr Ziel: Grünkohl und Pinkel essen.

Eine Herausforderung für die Organisatoren stellt auch der Transport der Spirituosen dar. Robuste Bollerwagen erfreuen sich oft großer Beliebtheit. Nils Othersen war 2010 Kohlkönig und im Zuge der Vorbereitungen für die nächste Kohltour auf der Suche nach einem passenden Holzgefährt. „Im Internet wurden zwar alle möglichen Bollerwagen zur Schau gestellt, mieten konnte man diese aber nicht“, erklärt der Jungunternehmer die Entstehung seiner Geschäftsidee.

Zusammen mit drei Freunden – allesamt begeisterte Kohlfahrer – baute er kurzerhand selbst einen Wagen. Diesen stattete er mit Musikanlage, Blaulicht, Sirene sowie Getränkespendern aus und bot ihn Anfang dieses Jahres erstmalig zum Verleih an. Othersen: „Eigentlich war es eher eine Schnapsidee, aber die Reaktionen zeigen, dass sie ankommt.“

Was vor Jahren noch ein Ritual der älteren Generationen war, ist heute auch unter jungen Menschen sehr beliebt. Der Bollerwagen vom „Pinkelkönig“, wie die Erfinder ihr Projekt nennen, war in der ersten Saison nahezu ausverkauft. Dazu trägt auch der umfangreiche Service bei: Die Lieferung zum Startpunkt und die Abholung am Restaurant sind inklusive. Ebenso kann man die „Pinkelkönige“ mit dem Einkauf des Pilgerproviants beauftragen. „Damit bieten wir dem Kunden einen echten Mehrwert, denn er kann sich voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren: die Kohlfahrt“, erläutert Gründungsmitglied Timur Schubart. Um für die kommende Saison gewappnet zu sein, haben die vier Bremer nun noch eine Schippe drauf gelegt – und gehen mit zwei neuen Bollerwagen an den Start. Beim Modell „Fass“ handelt es sich um ein aufklappbares Rotweinfass auf Rädern. Es bietet Platz für zwei Bierkisten und ist mit einer Musikanlage ausgestattet.

Außerdem hat das Team ab sofort den „Boll-Rod“ im Sortiment. Der Name entstand in Anlehnung an die sogenannten Hot-Rod-Autos, die in den 30er und 40er Jahren in den USA verbreitet waren. Optisch ähnelt das Trinkmobil nämlich diesen Modellen, die vorn niedriger gebaut sind als hinten. Der Hingucker bietet zudem eine Musikanlage, Stauraum für eine Kiste Bier sowie einen Getränkeständer.
Weitere Wagen sind bereits in Planung, denn auch im nächsten Jahr wollen die „Pinkelkönige“ mit innovativen Bollerwagen für Furore sorgen. Man darf also gespannt sein.

Weitere Informationen zu den Bollerwagen gibt es auf der Internetseite www.pinkelkoenig.de sowie per E-Mail an info@pinkelkoenig.de.

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Referenzen

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