Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

„Es entstand eine sortierte Stadt“

BREMER-ANZEIGER-Interview mit Wendelin Seebacher über das Schicksal Osterholz-Tenevers

3. März 2013

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OST. Schon während der Bauphase in den 70er Jahren wurde Osterholz-Tenever als „Klein-Manhatten“ bezeichnet. Riesige Betonberge entstanden damals auf Wiesen und Feldern. Wendelin Seebacher, seinerzeit als Stadtplaner dabei, spricht im Interview mit dem BREMER ANZEIGER über das Scheitern des großangelegten Projekts. Sein neues Buch zur Geschichte des Demonstrativ-Bauvorhabens präsentiert er am Dienstag.

BREMER ANZEIGER: Herr Seebacher, Sie arbeiteten von 1965 bis 1972 im Stadtplanungsamt. Hatten Sie Einfluss auf die Baupläne?
Wendelin Seebacher: Ach, als frisch diplomierter Städtebauer mit junger Familie … Ich hab schnell gesehen: Alle machten da mit: Senat, Beirat, Ortsamt, Politik, die Baugesellschaften. Da war ich ein Nichts. Ich hab mich fürchterlich geärgert über das, was da geschehen ist.

Wer hat am meisten von dem Vorhaben profitiert?
Die Grundstücksverkäufer, wie immer. Die Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft (NWDS) hatte von dem vielen Bauland der Nachkriegszeit in Bremen nichts abbekommen. Die hat sich dann überall Grundstücke zusammengekauft, unter anderem Osterholz-Tenever, für abartig viel Geld. Nun war das ja landwirtschaftliche Nutzfläche, die konnte man nicht einfach so bebauen. Da hat man dann ein Demonstrativ-Bauvorhaben erfunden.

Was genau bedeutet denn Demonstrativ-Bauvorhaben?
Wegweisend neue Wohnviertel gestalten. Richtlinien waren etwa: familienfreundlich, vernünftige Wohnlage, preisgünstig. In Tenever war es ein Vorhaben ausschließlich für Menschen innerhalb einer gewissen Einkommensgrenze.

Und wer hat entschieden, wer dort wohnen durfte?
Das war der öffentlich geförderte Wohnungsbau. Mit der Wohnungsnot nach dem Krieg war der Gedanke, viel geförderten Wohnraum anzubieten, an sich ganz richtig. Aber wenn man ein Viertel ohne jede Nachbarschaft baut, leben die Menschen dort isoliert. Und wer mehr verdiente, musste ausziehen. Also konnte sich Tenever sozial gar nicht durchmischen. Es entstand eine sortierte Stadt.

Woran ist das Projekt letztendlich gescheitert?
Zuerst waren 2500 Wohnungen vorgesehen. Ich hatte damals die Kosten für Schulen, Kitas und Erschließung berechnen müssen. Heraus kam, dass die Stadt 33 Millionen hätte zahlen müssen. Damit die Politik zustimmt, hat der Bausenator das auf 15 Millionen runterrechnen lassen. Es fehlten also schon 18 Millionen. Dann kam Professor Dietrich aus Nürnberg, von der NWDS geholt, und hat gesagt, das verdichten wir auf 4500 Wohnungen. Das heißt, man hatte dann für 4500 Wohnungen nur 15 Millionen öffentliche Mittel.

Welche Visionen verfolgten die Verantwortlichen?
Seufzt. Professor Dietrich hat den Leuten erzählt, was da für Wohltaten entstehen: Spielplätze, Servicehäuser, grüne Dachterrassen mit Liegestühlen und Duschen. Es wurde eine solch schöne Welt versprochen. Nur, kein Pfennig davon war finanziert, das waren richtig leere Versprechungen.

Konnte das Projekt zu Ende gebaut werden?
Nein. Als die ersten Häuser 1973 bezogen wurden, hat man festgestellt, dass alles zu dicht, zu hoch und zu weit ab von der Stadt war. Und das Geld war einfach nicht da. Nur die Hälfte konnte gebaut werden. Und dann war es über Jahrzehnte ein gemiedenes Viertel. Am Schluss standen 1000 Wohnungen leer, es war verwahrlost, es war nicht mehr beherrschbar.

Bis zum Rückbau …
Ja, das hat der Senat 2000 zusammen mit der Gewoba, die Teileigentümerin war, beschlossen. 900 Wohnungen wurden abgerissen und die Dichte aufgelockert. Da haben sich Leute ganz viel Mühe gegeben. Ich war sehr überrascht, dass das gelungen ist und da hab ich gedacht, jetzt schreibst du das endlich mal zusammen. Die Geschichte ist Krimi und Tragikomödie in einem, mit einem mehr oder weniger glücklichen Ende.

Wendelin Seebacher stellt sein Buch „… das machen wir nicht wieder“ am Dienstag, 5. März, ab 19.30 Uhr in der Buchhandlung Leuwer, Am Wall 171, vor.

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