Johanna Meadows

Nachhaltige Kommunikation

Biologische Vielfalt auch beim Saatgut

28. Januar 2018

Die Begriffe „Biologische Vielfalt“ oder „Biodiversität“ kennen wir. Aber inwiefern haben sie etwas mit unserem Saatgut, mit großen Konzernen, Patenten und der solidarischen Landwirtschaft zu tun? Um die Zusammenhänge besser verstehen zu können, müssen wir einen Zeitsprung machen.

Vor rund 12.000 Jahren begann die Geschichte unserer Kulturpflanzen. Damals wurden unsere Vorfahren sesshaft und fingen an, sich mit Landwirtschaft zu befassen. Aus Wildpflanzen entwickelten Bauern über Jahrtausende hinweg Kulturpflanzen. Sie verbesserten ihr Saatgut, indem sie die am besten angepassten Pflanzen weitervermehrten und mit ihren Nachbarn tauschten.

Biodiversität ist lebenswichtig für den Menschen

Die Erfahrung und das Wissen, das im Saatgut unserer Kulturpflanzen gespeichert ist, haben einen unschätzbaren Wert. Die Vielfalt, die sich aus der gemeinsamen Arbeit der Bauern entwickelt hat, ist auch heute noch wichtig für den Fortbestand der Menschheit. In Zeiten von Klimawandel, schwindenden Anbauflächen und Bevölkerungswachstum brauchen wir eine möglichst große biologische Vielfalt.

Warum? Weil sie eine wichtige Lebensgrundlage für den Menschen ist. Sie sorgt für eine intakte Natur, die uns wiederum eine große Bandbreite an Gütern und Dienstleitungen zur Verfügung stellt. Es ist für uns selbstverständlich, täglich auf diese Dienstleistungen der Natur und damit der Biodiversität zurückzugreifen: saubere Luft und sauberes Wasser, bestäubende Insekten, Kohlenstoff-Speicherung in Wäldern, Mooren, Böden und Meeren sowie natürlicher Hochwasserschutz.

Zugang zum Saatgut verloren

Heute haben wir den Zugang zum Saatgut und auch zum Wissen über unsere Kulturpflanzen weitgehend verloren. Saatgut ist inzwischen privates Eigentum von einigen internationalen Konzernen geworden, die neben dem Saatgut auch die maßgeschneiderten Pflanzenschutzmittel verkaufen. Die Züchtung findet zunehmend im Labor statt. Neue Züchtungstechniken haben die klassische Selektion verdrängt.

In den 1980er-Jahren begann das Gentechnik-Zeitalter in der Pflanzenzüchtung. Es gab zunehmend Patente auf (gentechnische) Züchtungsverfahren oder auf das Produkt der Züchtung selbst – die Sorte. Das Europäische Patentamt hat in den letzten Jahren sogar Patente auf Pflanzen erteilt, die konventionell gezüchtet worden waren, also ohne gentechnische Verfahren. Dagegen wehrten sich viele Menschen und Organisationen.

Verarmung der Züchtungslandschaft durch Übernahmen

Unternehmen, die im Gentechnik-Zeitalter der Pflanzenzüchtung eine führende Rolle spielen wollten, mussten viel Geld investieren und ihr Unternehmenswachstum vorantreiben. So kam es zu immer mehr Übernahmen: In den letzten Jahrzehnten schluckten große Konzerne mittelständische Züchterhäuser, was zu einer drastischen Verarmung der Züchtungslandschaft führte. Aber auch gegenseitige Übernahmen der ganz großen Unternehmen wie der Zusammenschluss von Bayer und Monsanto beunruhigt viele angesichts der voranschreitenden Privatisierung des Saatguts durch Patente.

Die Gefahr ist, dass das Wachstum und der Wettbewerb dieser Konzerne untereinander nicht zu mehr Arten- und Sortenvielfalt in der Landwirtschaft führen, sondern dazu, dass die Unternehmen versuchen, mit weniger Arten einen möglichst großen Profit zu erzielen. Doch überall auf der Welt haben Menschen erkannt, wie wichtig das Saatgut für die Zukunft der Menschheit ist. Und sie sind aktiv geworden – etwa mit dem „March against Monsanto“ oder der seit 2010 jährlich stattfindenden „Wir haben es satt!“-Demo. Diese setzt sich für gesundes Essen, eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft und fairen Handel ein und rückt auch das Thema Saatgut immer wieder in den Fokus.

Boom der Solidarischen Landwirtschaft

Die politische Einflussnahme ist wichtig, aber vielen noch nicht genug. Der Wunsch, die Kontrolle über die Herstellung von Nahrungsmitteln zurückzugewinnen, hat zu einem Boom der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) geführt. Dabei tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Das macht die Landwirte wieder frei vom Druck der Lebensmittelhandelsketten einerseits und der Chemie- und Saatgutkonzerne andererseits. Mehr Infos zum Solawi-Netzwerk erhaltet ihr unter www.solidarische-landwirtschaft.org.

Wer zuhause selbst aussäen will, der besucht am besten im Frühjahr eine der regionalen Saatgutbörsen. Da finden Gärtner ein großes Angebot an Saatgut wohlschmeckender alter und neuer Sorten. Ich wünsche also jetzt schon mal: Viel Spaß in der kommenden Gartensaison!

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